Komplimente im Yoga – Auf einen Tee mit Yogalehrerin Kirstin

Yoga ist für mich seit jeher ein großer Begriff. Einer, der Eindruck schindet. Eine Art spiritueller Trendsport, den Stars und Sternchen und alle, die etwas auf sich halten, betreiben. Obwohl ich in diversen Fortbildungen immer mal wieder Berührung mit Yoga hatte, habe ich mich noch nicht so recht an diesen ‚Way of Life‘ herangetraut. Hab ihn sozusagen nur mit Respekt und Interesse aus der Ferne beobachtet. Im Gespräch mit Yogalehrerin Kirstin erfahre ich nun Genaueres über diese Leidenschaft, Chancen und Klischees und dass auch ich mehr Yogi bin, als ich gedacht hätte…

Darf ich vorstellen.

Kirstin ist Anfang 40 und wohnt mit ihrem Mann im mittelfränkischen Nürnberg. Hauptberuflich arbeitet sie als Assistenz des Direktors bei einem Automobilsoftwarehersteller. Nebenberuflich hat sie als Yogalehrerin ihr Glück gefunden…

Die erste Berührung mit Yoga hatte sie in den frühen oder mittleren 2000er Jahren, als man erstmals davon hörte, dass Madonna Yoga praktizieren würde und  vereinzelt bei Tchibo und Co. Kartensets mit Yogastellungen erwerblich waren. Kirstin stammt ursprünglich aus der Bodenseeregion und da machte man seinerzeit so „Schickimickisachen“ wie Yoga einfach nicht, wie sie schmunzelnd erzählt. Zumindest nicht öffentlich, deshalb kaufte sie sich so ein Kartenset und übte daheim im stillen Kämmerlein ihre ersten Asanas 🙂 Als sie beruflich nach Nürnberg zog, suchte sie im Winter nach einem sportlichen Ausgleich und landete dadurch das erste Mal in einem Yogastudio. Aus der heimlichen Yogaliebe wurde nun eine öffentliche und auch mit der Ausbildung zum Yogalehrer flirtete sie damals schon.

Beruflich sollte es sie aber nochmal zurück an den Bodensee und ins Allgäu verschlagen, ehe sie mit ihrem Mann im Jahr 2017 wieder in Nürnberg landete. An ihren verschiedenen Wohnstationen lernte sie neue Yogastudios und neue Yogaarten kennen – und auch die ganzheitliche Yogaphilosophie. Dadurch nahm ihre Faszination für’s Yoga nochmal eine ganz andere Dynamik an. Sie merkte, wie ihr der mentale Mehrwert richtig gut tat und wie sich ihre Körperwahrnehmung langsam änderte. Sie lernte Körpersignale endlich bewusst wahrzunehmen und richtig zu deuten. Wieder zurück in Nürnberg war es letztendlich ihr Mann, der ihr den Anstoß gegeben hat, ihren Traum von der Ausbildung zur Yogalehrerin endlich zu verwirklichen. So absolvierte sie diese in 300h und ist seit Ende 2019 geprüfte Yogalehrerin.

Weil eine Freundin nach ihrer Schwangerschaft anhaltende Probleme mit dem Beckenboden hatte, fing Kirstin an, sich immer mehr mit dem femininen Yoga zu befassen und bildete sich in „Pelvic Yoga“ (12), Fertility Yoga (60h) und Prä- & Postnatales Yoga (50h) weiter.

Heute unterrichtet sie vor allem in Yogastudios, Fitnessstudios, online, in der Firma, in der sie hauptberuflich beschäftigt ist, und in einer Hebammenpraxis.

alohasté.

Kirstin praktiziert unter dem Namen „alohastè“. Er vereint zwei wesentliche Begriffe, die für sie und ihr Leben sehr symbolträchtig sind.

Zum einen ist da „Aloha“. Kirstin heiratete 2016 auf Hawaii und die Zeit dort, die alte hawaiianische Kultur und der Spirit der Inselgruppe haben einen Fußabdruck in ihrem Herzen hinterlassen. ‚Aloha‘ ist da zum einen eine sehr ehrenvolle, respektzollende und wertschätzende Begrüßung und Verabschiedung, bedeutet aber auch Liebe und Zuwendung und repräsentiert sinnbildlich einen Lebensstil.

Genauso wie „Namasté“ im indischen 🙂 Womit wir ja wieder beim Yoga wären, welches für sie nun schon seit einigen Jahren eine immense Bedeutung hat.

Sie unterrichtet Yoga so, wie es dem Hatha-Yoga sehr nahe kommt. Sie legt sehr viel Wert auf die richtige Ausführung der Haltungen. Damit erreicht man anatomisch gesehen am meisten und mancherlei Beschwerde kann gelindert oder gelöst werden. Falsche oder übereifrige Ausführungen dagegen können manchmal das Gegenteil bewirken. Außerdem lehrt sie die dazugehörigen Atemtechniken und möchte auch die ganzheitliche Philosophie des Yogas vermitteln. Denn Yoga ist nicht nur sich „möglichst dolle verbrezeln“ können sondern eine Lebenseinstellung. So heißt Yoga auch grob übersetzt „Joch“. Das Joch, das Körper, Geist und Seele zusammen halten soll. Das beinhaltet also neben den körperlichen Übungen auch Achtsamkeit, Pflege des Inneren und des Äußeren, Aufmerksamkeit und Besinnung im Umgang mit der Umwelt – und im Umgang mit sich selbst.

Yoga, Klischees und Probleme.

Da gibt es wohl so einige. Leider. Und jaaa, ich gebe zu, meine Überschrift „Auf einen Tee mit…“ gehört auch dazu. Aber wie wir beide schmunzelnd feststellten, tranken wir halt tatsächlich alle beide ein oder zwei Tassen Tee an beiden Abenden unseres Gesprächs 🙂

Die einen schieben es in die Esoterik-Ecke, in der man ohne so Hilfsmittelchen wie Räucherstäbchen (nichts gegen Räucherstäbchen, ich verwende sie selbst gerne ;-)) und ähnlichem nicht zur Erleuchtung kommt. Dieser Glaube engt ein. Wie bei allem können all diese Dinge das Ganze untermalen aber der Weg liegt letztendlich in einem selbst.

Dann ist da die „Schickimicki“-Ecke. Die geht manchmal auch mit dem riesigen Business, was aus dem Thema Yoga entstanden ist, einher. Gerade auch Social Media befeuert den Glauben, dass man sich so verbiegen können muss, dass man fast als Schlangenmensch in einem chinesischen Zirkus auftreten könnte. Oder besonders schlank, fit, stark oder schön sein muss, um im Yoga was erreichen zu können. Das schreckt ab und manch einer fängt gar nicht erst damit an. Oder weckt falsche Erwartungen. Gerade auch an die Lehrer. So erlebt so manch ein Yogalehrer eine Abwertung, wenn er diesen Vorstellungen nicht gerecht wird. Dabei fand Kirstin früher schon und auch heute noch die Lehrenden am sympathischsten, die auch mal zugeben, dass sie eine Übung jetzt mal nur mit ihrer Schokoladenseite vorführen oder zu ihrem Nicht-Perfekt-Sein offen stehen.

Gefühlt gibt es ein Überangebot an Lehrern, Yogastilen und allerlei käuflichem Yogazubehör. Auch das irritiert manchen Neuling. Letztendlich muss jeder, egal ob Lehrer oder Praktikzierender, seinen Weg durch diesen Dschungel finden und die Pfade nehmen, die ihm am stimmigsten für seinen eigenen Weg erscheinen.

So gilt es auch immer wieder den Leuten die Angst zu nehmen, dass sie nicht gut genug seien. Yoga ist für alle da und kann jeden da abholen, wo er gerade steht. Interessant wird das auch nochmal, wenn man sich anschaut woher Yoga ursprünglich kommt. Es ist zwischen 2.000 und 5.000 Jahre alt und wurde in Indien ursprünglich von Männern der oberen Kaste praktiziert und auch nur an solche gelehrt – während im Westen heute das Klischee herrscht, Yoga sei nur was für Frauen 😉 Damals waren die Menschen körperlich viel aktiver als heutzutage und somit musste da eher körperliches Stillsitzen geübt werden: Die einzige körperliche Übung zu dieser Zeit war tatsächlich der Meditationssitz.

Die ganzen Haltungen entwickelten sich erst in den letzten 200 – 500 Jahren. Heute muss mehr die körperliche Inaktivität ausgeglichen werden und auch das feminine Yoga entwickelte sich erst, als man drauf kam, dass die Männer von damals wohl kaum den weiblichen Zyklus und all die dazugehörigen Themen bedacht haben…

Komplimente die sie verteilt.

Ihr ist es sehr wichtig ihren Kursteilnehmern zu vermitteln, dass sie gut genug sind und dass es uns allen gleich geht, indem wir alle irgendwelche Themen haben, die uns beschäftigen, die wir lösen müssen und dass das vollkommen in Ordnung ist. Sie will ehrlich und aufmunternd motivieren.

Wie im Yoga üblich bedankt sie sich am Ende jeder Stunde bei ihren Teilnehmern dafür, dass sie da waren und dass sie sich die Zeit für sie genommen haben. Ebenso regt sie aber auch an, dass die Teilnehmer sich bei sich selbst bedanken sollen – weil sie sich die Zeit für sich selbst genommen haben… Auch das ist irgendwo eine Form des Kompliments.

Komplimente – unbedingt her damit!

Die Frage, wofür es mehr Komplimente brauche, beantwortet sie aus privater und beruflicher Erfahrung heraus: Da das feminine Yoga mit allem Drum und Dran vom Zyklus über Fruchtbarkeit, Schwangerschaft, Geburt usw. bis hin zu den Wechseljahren ihre Herzensangelegenheit geworden ist, sieht sie hier ganz viel Nachholbedarf bei den Frauenthemen. Sie weiß, was Paare mit unerfülltem Kinderwunsch durchmachen, sie sieht Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen und die Frischmamas, die in unserer Kultur häufig mehr funktionieren müssen als unterstützt werden und auch die Therapeuten, die die Betroffenen auffangen möchten – für sie alle wünscht sie sich mehr Komplimente.

Ihr größtes Kompliment.

Sie denkt nach, aber ein bisschen yogihaft fällt ihr nichts ein, was sie so richtig herausragend hinstellen möchte 😉 Sie ist grundsätzlich sehr dankbar, für all die direkten und indirekten Komplimente, die sie erhält. Und die Yogis sind ja allgemein sehr dankbar und harmonisch. Ein Kompliment sei für sie auch, wenn die Leute wieder kommen wollen und Folgekurse buchen. In der Hebammenpraxis, in der sie viel unterrichtet, empfängt sie besonders viel Dank. Die Mütter sind generell sehr demütig und dankbar. Diese tiefe Dankbarkeit, die ihr hier entgegenfließt, macht auch Kirstin dankbarer.

Eine besondere Geschichte fällt ihr aber doch noch ein: Eine Kollegin aus ihrer Firma hält hier von Anfang an über alle Kanäle hinweg die Treue: Kirstin begann noch während ihrer Ausbildung Stunden in ihrer Firma abzuhalten. Als Übung zu Lehrzwecken für Kirstin und als Bereicherung für Kollegen und Kolleginnen, die gerne etwas für sich tun wollten. Als Kirstin fertig war mit ihrer Ausbildung kam Corona und Yogastunden waren überwiegend nur noch online möglich. Mittlerweile geht alles wieder normal. Und diese eine Kollegin eben, war von Anfang an immer, egal wo, in ihren Stunden dabei 🙂

Ihr Kompliment ans Yoga.

Ihr größtes Kompliment ist ihr Dank. „Danke, dass du mich im Leben immer wieder aufrichtest!“ So hat auch sie im Leben immer wieder erfahren, dass der Weg nicht nur von der Sonne beschienen und erwärmt wird, sondern auch durch dunkle, kalte Täler führt. Das Yoga hat sie dann immer wieder an die Hand genommen, sie hochgezogen, ganz festgehalten und sie sanft weitergeführt.

Komplimente und Yoga passen gut zusammen weil…

Diesen Satzanfang gebe ich Kirstin vor. Mit der Bitte, ihn spontan zu beenden. Ihre prompte Antwort: „Das ist eigentlich ganz einfach. Weil Yoga dich mit dem Lauf der Zeit schult, aufmerksamer zu sein für die kleinen, nicht minder bedeutsamen Dinge im Leben. Man wird demütiger und fokussiert sich mehr auf das Sein im Hier und Jetzt. Und dem gegenwärtigen Moment Aufmerksamkeit zu schenken, ist dem Leben ein Kompliment zu machen.“

Welch schöner Schlusssatz von ihr, wie ich finde. Ich denke selbst nach, wie ich den Satz beenden würde und welches Fazit sich für mich aus den Gesprächen mit Kirstin ergibt. Sie erzählte ja selbst lachend, dass sie sehr gerne Leute beobachtet, die von sich behaupten, sie würden mit Yoga so gar nichts anfangen können. Gerade die seien auf eine bestimmte Weise in ihrem Verhalten oft besonders viel Yogi. So zum Beispiel eine Freundin und Kollegin von ihr, die es als Sportart für sich strikt ablehnt aber gleichzeitig im Rekordtempo über die Straße rennt, um einer alten Frau die Tür aufzuhalten. „Voll Yogi ist das“, freut sie sich dann diebisch, „genauso wie du Eva mit deiner Komplimenteschmiede!“  Vielen Dank für das Kompliment, liebe Kirstin 🙂

Ein ehrliches Kompliment ist meist ein gutes Kompliment. Für ein ehrliches Kompliment muss man manchmal bewusst und aufmerksam den anderen wahrnehmen und sich die Zeit nehmen, das auch in stimmige Worte zu fassen. Im Yoga nimmt man sich die Zeit bewusste körperliche Übungen auszuführen und nachzuspüren, was es in einem (mit der Zeit) auslöst. Wer einen Schritt weiter geht, übt nicht nur körperlich sondern übernimmt vielleicht auch immer mehr Lebensphilosophien aus dem Yoga. Gute Ernährung, Meditation bzw. Zeit für sich, um zur Ruhe zu kommen, achtsam im Umgang mit sich, anderen und der Umwelt und dem Umfeld zu werden – da stecken ja wirklich überall Komplimente drin!

Liebe Kirstin,

zunächst einmal möchte ich mich bei dir bedanken 🙂

 Für die Zeit, die du mir und dir für die Gespräche zur Entstehung dieses Artikels geschenkt hast.

Für viele offene und ehrliche Einblicke und Schilderungen.

Dafür, dass auch du ein Teil in meiner Komplimenteschmiede bist und diese Philosophie bei dir ja sowieso schon weiterträgst.

Danke, dass du meinen Blickwinkel auf das gesamte Thema „Yoga“ geändert hast.

Jeder fängt irgendwann mal an, seinen Weg zu begehen. Ob einfach mal drauf los oder mit klarem Ziel vor Augen. Und jeder hat Hindernisse, Stolpersteine oder Fallen, die einen mit der Zeit erfahrener, dankbarer und demütiger machen. Schön, dass es so Leute wie dich gibt, die aus ihren Erfahrungen heraus andere an die Hand nehmen und ihnen wie du im ganzheitlichen Yoga, auf ihrem eigenen Weg einen friedlichen Mehrwert mitgeben 🙂

Bildrecht: Kirstin Eggart

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