
Ein Kompliment ist eines der schönsten Dinge, die man in Worten erhalten kann. Eine der schönsten Formen, seiner Aufmerksamkeit für eine Person Ausdruck zu verleihen. Einer der schönsten Wege, seine Bewunderung in Worte zu fassen. Die einfachste Methode, jemandem etwas zu schenken.
Demnach müsste ein Kompliment immer sofort pure Freude auslösen. Manchmal ist dem auch so. Manchmal aber auch nicht. Tatsächlich ist es für viele ganz und gar nicht einfach, sich mit einem Kompliment spontan glücklich zu fühlen und es entgegen- und anzunehmen.
Aber warum ist das so? Warum tun wir uns oft so schwer, ein Kompliment anzunehmen und wie macht man das eigentlich „richtig“?
Das ganz große Kino.
Ein Kompliment kann ganz viele unterschiedliche Gefühle auslösen. Es triggert zum Beispiel Erinnerungen, Erfahrungen, Glaubenssätze und jede Menge Selbstzweifel. Im Laufe des Lebens sammelt sich von all dem immer mehr an. Und dann kommt da ein Kompliment um die Ecke und das ganze Fass kann hoch gehen. In Lichtgeschwindigkeit geht da das ganze große Gefühlskino in dir ab. Im Prinzip ist es ein bisschen Überforderung – wie und wo soll dieses Kompliment von dieser Person eingeordnet werden? Man weiß jetzt nicht so ganz, wie man damit umgehen soll. Und mit was man nicht sofort richtig umgehen kann, kann man zunächst auch schlecht richtig annehmen.
Time goes by.
Da ist nun dieses Kompliment von dem man nicht weiß, wo man es auf die Schnelle hinstecken soll. Gleichzeitig rattert und rattert es, auf der Suche nach einer Lösung und der passenden Reaktion. Leider geht da das Licht nicht immer gleich an der richtigen Stelle an. Uuuund: Da ist ja noch das Gegenüber, das einem das Kompliment ausgesprochen hat und eine positive Reaktion erwartet und einen dabei ganz aufmerksam beobachtet. Vom Absenden bis zum Empfang kann der Weg also sehr lange sein und auch noch viele Abzweigungen bereithalten. Nicht immer kommt das, was abgesendet wurde dort an, wo es hin soll.
Hauptsache was gesagt.
Dass man aber reagieren muss, das hat man dann doch so drin. Darum kommt auch oft mal so ein Verlegenheitsgegenkompliment in der Richtung „Danke, du aber auch“ oder „Danke, aber deines ist viel schöner“ etc. raus. Oder es wird gleich gar abgelehnt. Beispiel: Im Sommer habe ich auf dem Supermarktparkplatz eine ehemalige Kollegin getroffen. Sie hat bereits einen erwachsenen Sohn und sich über die Jahre hinweg ihre super Figur erhalten. Sie kam daher in einem engen schwarzen T-Shirt, einem kurzen Jeansrock, weißen Sneakers, braun gebrannt, freudestrahlend und voller Elan. Alles in allem war sie eine richtig fesche Erscheinung und ich hab ihr gleich mal ein: „Du schaust aber gut aus!“ zugerufen. Antwort: „Iiiiiiiiiiiiiich??? Du spinnst wohl! Meine Haare schauen vielleicht aus! Ich wollte schon seit drei Wochen zum Frisör aber dauernd kam was dazwischen.“ Äh jawoll…
Fishing for compliments.
Ich drehe dieses Sprichwort ja gerne mal so hin, dass man gar nicht so viel fischen müsste wenn genug davon verteilt werden würden. Aaaaber: Albernes Geheische kann ich auch nicht leiden. Das nervt und ist Zeitverschwendung. Zuletzt in voller Ausprägung erlebt habe ich das an einem Elternabend bei der Klassenelternsprecherwahl. Die vorgeschlagene Dame hat jedes Argument-Kompliment immer wieder kichernd abgetan. Obwohl offensichtlich war, dass sie es eigentlich gerne machen würde aber noch etwas „gestreichelt“ werden möchte. Das braucht’s doch bitte echt nicht.
Langzeit-Depot.
Wie dem mit diesen ganzen möglichen Erstgefühlen auch sei – ein Kompliment ist ein bisschen wie eine Pille mit Depotwirkung. Auch wenn es erst mal schwer angenommen werden kann, es fängt an zu arbeiten. Die Situation ist vielleicht schon längst rum, womöglich hat man auch nicht so gut reagiert, aber es macht etwas mit einem. Und es hat eine Wirkung – irgendwann stellt sich ein gutes Gefühl ein. Irgendwann kommt die Freude. Vielleicht auch nur ein kleines bisschen. Aber egal. Und dieses gute Gefühl stellt sich immer und immer wieder ein. Manchmal ein ganzes Leben lang, immer wenn man daran denkt.
Ja und wie denn nun?
Wie nimmt man jetzt ein Kompliment am besten an? Eigentlich ganz simpel:
Lächeln und Danke sagen.
Punkt. Das reicht schon. Ein Kompliment muss kein Gegenkompliment erzeugen. Es muss auch nicht hinterfragt werden. Und es muss auch nicht gleich verarbeitet und richtig abgeheftet werden. Man darf auch nicht sein Gegenüber vergessen. Womöglich hat es die Person Überwindung gekostet, das Kompliment auszusprechen. Sie wartet jetzt auf eine Reaktion. Lächeln und Bedanken ist die beste erste Wahl. Dies vermittelt ihr auch, dass das Kompliment angekommen ist. Alles andere kann man im Nachgang mit sich ausmachen.
Achja. Mit einem Lächeln und einem Dank kann man das Kompliment auf vielfältige Weise annehmen oder sogar auch ausschlagen. Man kann u. a. mit Mimik und Tonfall noch so viel mehr mitkommunizieren, sodass es sich jeder Situation anpasst.
Des Esel’s Brücke.
Ein Kompliment ist ein Geschenk. Ein Wortgeschenk. Auch mal ein Zeitgeschenk – jemand hat sich die Zeit genommen und über dich nachgedacht. Wie er dir eine Freude macht oder was dich für ihn ausmacht. Hat dich aufmerksam wahrgenommen und drückt seine Bewunderung aus.
Und was man macht, wenn man ein Geschenk bekommt – das verinnerlicht man schon als kleines Kind! Jeder freut sich, wenn er ein Geschenk bekommt. Und lächelt automatisch. Und dass man sich bedankt, wenn man ein Geschenk bekommt, das wird einem auch schon sehr früh beigebracht.
Deshalb kommt fast schon automatisch ein lächelndes „Danke“ über die Lippen, sobald man mal wirklich die Verbindung von Kompliment = Geschenk verinnerlicht hat 🙂
SOS
Ein anderer Erste-Hilfe-Trick ist dem ganzen einfach mal den Wind aus den Segeln zu nehmen. Wie geht das? Indem man gleich einfach mal zugibt, dass man nicht so gut im Komplimente annehmen ist. Frei raus in die Richtung: „Also ich kann Komplimente ja immer schlecht annehmen, aber Dankeschön!“. Und schwupps kann sich die Atmosphäre gar nicht mehr mit Überforderung und Erwartungshaltung aufladen. Tatsächlich hagelt es erfahrungsgemäß in der Folge entweder noch mehr Komplimente oder der andere gibt lachend zu, dass es ihm genauso geht 😉
Tiefseetauchgang
Alles was wir bis hierher angeschaut haben, ist eher aus der Kategorie „Erste Hilfe“. Um ein Kompliment richtig anzunehmen – sprich es zu verinnerlichen – erfordert es oft ein Abtauchen in den eigenen Ozean. Um dem auf den Grund zu gehen, was uns daran hindert, es als etwas Gutes für uns anzunehmen. Da stecken oft mangelnder Selbstwert, Selbstzweifel, Misstrauen nach schlechten Erfahrungen oder negative Glaubenssätze in den Wurzeln. Es macht absolut Sinn einen Weg zu finden, das Übel an der Wurzel zu packen. Denn die Gründe, die uns ein Kompliment schlecht annehmen lassen, sind meist auch ursächlich für andere Dinge, die uns in unserem Leben einengen. Ändere was für dich und dein Tiefseetauchgang führt dich an eine Quelle voller ungeahnter Perspektiven.
Neutrale Räumlichkeiten.
Außerdem wichtig: Triffst du dich jetzt also mit deinem neuen Kompliment, halte dein Date in einem neutralen, leeren Raum ab. Gehst du direkt in die Abteilung „Misstrauen“ und wählst die Tür mit der Aufschrift „Sie will eh nur mein Geld“ oder „Er will mich eh nur flachlegen“ weil du dich dort am besten auskennst, dann kann das vielleicht die korrekte Wahl sein – aber vielleicht auch nicht! Du machst damit gleich die Chance auf eine neue, womöglich bessere, Erfahrung zunichte. Sehe ein Kompliment lieber erst mal als etwas Neutrales an, ganz ohne Wertung, bedanke dich und erst wenn ihr euch genug abgecheckt habt und wisst wohin die Reise gehen soll, ist es Zeit, das Date in einen anderen Raum zu verlegen…
Enjoy it!
Ist das Kompliment endlich da angekommen, wo es hin soll – nämlich im Wellnesstempel deiner Seele – dann mach dort ausgiebige Freudenbäder im Whirlpool des Glücks! Immer und immer und immer wieder.
Genieße das gute Gefühl 🙂


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