
Es ist Faschingszeit und während manch einer nach der langen Zwangspause den Fasching am besten gleich ganz abgeschafft hätte, feiern die Faschingsfans die 5. Jahreszeit nun umso mehr. Ich gehöre zu letzteren und deshalb schreibe ich heute auch in eigener Sache. Denn vier Monate im Jahr brauche ich als Trainerin eines Männerballetts Kreativität und Vorstellungsvermögen.
Und gute Nerven.
Ein Männerballett gilt gemeinhin als ein Höhepunkt einer Faschingsveranstaltung. Warum das so ist, weshalb man als Mann eigentlich bei sowas mit macht und was für schöne Geschichten das schreiben kann, darüber unterhalte ich mich mit meinen Tänzern, dem Team“capitano“, unseren Fans und einem Elferratsvorsitzenden…
Auf der Suche nach dem H-Punkt.
Ja, warum ist denn eigentlich ein Männerballett so ein Höhepunkt? Beim Weiberfasching ist das glasklar. Lauter feierwütige, angeheiterte Damen und dann kommt eine Horde Männer zu späterer Stunde und übt sich im Tanzen und Frischfleisch zeigen. Aber bei einer Veranstaltung mit gemischtem Publikum und anderen qualitativ hochwertigen Showeinlagen? Diese Frage warf fast allen Befragten ein Fragezeichen ins Gesicht. „Gute Frage. Hab ich mich auch schon gefragt.“
Die schlüssigste Antwort lieferte die Frau eines Tänzers. Büttenreden, Musikeinlagen und schöne Tanzgarden gibt es viele und die bilden das Gesicht des Faschings. Ein Männerballett ist aber seltener und außergewöhnlicher. Männer, die mit Tanzen sonst vielleicht weniger am Hut haben, sich aber mal was trauen und sich dabei nicht zu ernst nehmen – UND dann womöglich auch noch ausziehen – das honorieren die Frauen. Und auch die Männer. Zumindest insgeheim. Wobei der Elferratsvorsitzende noch einwirft, dass bestimmt einige Männer auch einfach froh sind, dass sie das nicht machen müssen 😉
Wie läuft das so bei uns?
Naja am Anfang steht eine Idee. Manchmal zündet eine solche mal mehr und mal weniger. Auch bei mir. Am besten habe ich diese Idee schon während des laufenden Faschings für die nächste Saison. Dann zündet sie erfahrungsgemäß besser. Meist legen wir im Oktober los. Das erste Training ist eines meiner Lieblingstrainingseinheiten. Denn hier verkünde ich erst das Motto. Bzw. lasse erst mal anhand der zusammengeschnittenen Musik raten. Und jedes Jahr auf’s Neue kommt das gleiche Gemotze 🙂 Über die Länge des Tanzes, über die Rollenverteilung usw. Auf manche Dinge ist gleich am Anfang Verlass 🙂
Zugegeben, der Anfang ist echt zäh. Der Faschingsflow flowt nach Fasching doch bald ab und sich dann im Spätsommer oder Herbst wieder aufzuraffen kostet Überwindung. Mich und den Jungs. Zum Jahreswechsel wird’s dann allmählich etwas ernster. Es geht an die Feinheiten. Und: Jetzt muss ich mich auch langsam echt mal ernsthaft an die Kostüme machen… Zwei Wochen vor dem ersten Auftritt bin ich dann langsam am Verzweifeln. Der Tanz sitzt noch nicht und es gab bisher fast immer einen kurzfristig Verletzten. Skifahren und Co. sei Dank. Das ist aber auch der Zeitpunkt, an dem bei den Männern der „Hallo-Wach-Wecker“ klingelt. Ab da ist ein erheblich gesteigerter Elan wahrzunehmen. Die Fragenanzahl schießt schwindelerregend in die Höhe. Eine Woche vorher gibt es einen Fototermin mit Kostümprobe. Und irgendwann heißt es dann tatsächlich „Bühne frei“…
Wann denkst du dir den ganzen Sch… eigentlich aus?
O-Ton. Diese Frage bekomme ich von meinen Tänzern tatsächlich öfter gestellt. Wenn ich mal wieder meine, wir könnten eine Figur von Profi-Breakdancern übernehmen. Oder sie der Meinung sind, dass bspw. ein James Bond in keinem einzigen seiner Filme annähernd solche Bewegungen macht wie sie es jetzt sollen. Mein Amazon-Suchverlauf interessiert sie auch immer wieder mal. Wenn ich mal wieder mit bezaubernden Kostümteilchen ankomme, die man eigentlich eher im Erotikfachgeschäft erwartet. Also, mein Amazon-Suchverlauf, der geht gerade noch. Interessanter sind die Empfehlungen im Anschluss, die mir bis weit nach Fasching noch angezeigt werden 😉
Wann denke ich mir das Ganze aus? Früher hatte ich einen 40-minütigen Weg zur Arbeit. Da lief auf der Fahrt die Musik rauf und runter und daheim probierte ich dann noch aus, ob das umsetzbar ist, was ich mir so vorstellte. Heute habe ich diesen Weg nicht mehr, dafür aber zwei Kinder. Daher muss ich auch beim Zeit finden kreativ sein. Das ist dann mal beim Kochen, auf dem Spielplatz oder nachts um halb zwölf, wenn ich eigentlich schon längst im Bett liegen sollte. Manchmal braucht man für eine halbe Minute Tanz nur ein paar Sekunden und manchmal eine halbe Stunde für ein paar Sekunden. Natürlich hole ich mir auch ab und an Inspirationen im Netz.
Warum tanzt du eigentlich Männerballett?
Einige sind für jeden Spaß zu haben und sagen gleich „Ja“, wenn sie gefragt werden ob sie mitmachen. Andere zögern da schon länger und machen nur mit, wenn noch ein Freund mitzieht. Schlussendlich aber gehen am Altweiberfasching alle begeistert von der Bühne. Denn die Stimmung und der Jubel da, die sind auch für die Jungs schon was Besonderes. Aber was sie alle hält, ist das Gesamtpaket. Eine echt coole Truppe, die jede Menge Spaß auch beim Training hat – ein Training bei dem man auch noch Bier trinken darf – und die sich nicht allzu ernst nimmt. Und deren Auftritte schlichtweg begeistern können.
True stories.
Mir persönlich gefallen ja auch die Geschichten, die im Laufe der Zeit geschrieben werden. Wir haben schon vier Paare und zwei Ehen hervorgebracht. Alles mit Beginn am Weiberfasching. Einer ging sozusagen am Weiberfasching von der letzten Bühne runter und weiter in den Kreißsaal. Er wurde ein paar Stunden nach dem letzten Auftritt Vater und es hat ihm erst mal keiner geglaubt, wir dachten er würde uns nur veräppeln. Mir gefällt es zu sehen, wie die einzelnen sich entwickeln. Wie vorsichtig und schüchtern teilweise noch die ersten Auftritte absolviert werden und wie selbstsicher sie dann ein, zwei Jahre später sind und sich auch wesentlich mehr zutrauen und aus sich rausgehen.
Wir holen immer wieder alte Anekdoten und Erinnerungen hervor und lachen auch Jahre später noch darüber. Zum Beispiel als uns einmal der eifersüchtige Lebenspartner nach einem Auftritt an einem Geburtstag fast aus dem Wirtshaus geschmissen hat. Oder einer meiner Tänzer an einem Weiberfasching, und ich glaube es war sogar sein allererster Auftritt bei uns, kurz nachdem der Tanz angefangen hatte von einer Frau von hinten von der Bühne runtergeholt wurde. Er hatte zu tun sich wieder loszumachen und wieder an seinen Platz zu kommen. Oder auch ein Auftritt, bei dem wir wirklich ganz grottig furchtbar schlecht waren. Oder als die Männer nach einem Auftritt einmal nur unter der Bedingung was zu trinken erhielten, dass sie sich sofort wieder anziehen. Das ist sonst eher andersrum 😉
Auf was es ankommt.
Da scheiden sich die Geister. Manche meinen, es müsse einfach lustig sein. Mir wird in aller Regel gesagt: „Ist mir vollkommen gleich was ihr tanzt, Hauptsache sie ziehen sich aus.“ Joa.
Grundsätzlich ist es erst einmal wichtig, dass es in der Gruppe stimmt. So etwas sieht und merkt man auch auf der Bühne – wenn’s passt untereinander hat das Auftreten eine ganz andere Ausstrahlung. Glücklicherweise ist das bei uns der Fall. Ein lustiger, chaotischer, liebenswerter Haufen, in dem jeder irgendwie so seine Rolle hat. Und Spaß muss es ihnen machen. Synchron und perfekt muss ein Männerballett nicht immer sein. Den Männern wird viel mehr verziehen.
Ich setze auf einheitliche beziehungsweise stimmige Kostüme, eine passende Liederauswahl, die möglichst das ganze Publikum mitzieht, eine Show die auch zum Thema passt (manchmal sehe das nur ich, aber gut…), lustige Passagen, ein bisschen Akrobatik, Ausziehen und ja – auch hier ist das so: Sex sells. Achja, Wiederholungen mag ich nicht so gerne. Da wird mir persönlich schnell langweilig 😉
Das Schöne ist außerdem: Jeder kann mitmachen. Ein „Ich kann überhaupt nicht tanzen“ zählt nicht. Bis jetzt ist schon jeder an seinen Aufgaben gewachsen 😉 Auch das Aussehen ist egal. Ich zitiere da mal einen Fan: „Egal ob dünn, ob dick, ob groß oder klein, bei uns im Zapfendorfer Männerballett passt jeder rein.“ 🙂
Voll korrekt. Man muss nicht aussehen wie Magic Mike um zu tanzen wie Magic Mike…
Komplimente beim Männerballett.
Die größten Komplimente sind der Applaus und ein Publikum, das nach dem letzten Ton und Tanzschritt völlig aus dem Häuschen ist. Am Weiberfasching natürlich auch, wenn die Damen kreischen wie einst die Teenager bei den Backstreet Boys. Wenn nach einem Auftritt etliche Anfragen kommen. Ab und an sagt uns auch mal jemand direkt, dass die Show gut war. Manchmal ist auch nix gesagt, das größte Lob 😉
Mein liebes Männerballett,
– stellvertretend natürlich auch für alle anderen Männerballettänzer 😉 –
grundsätzlich finde ich es zunächst einfach mal echt stark, dass ihr euch bereit erklärt, diesen Spaß mitzumachen! Ist nicht selbstverständlich, sich auf teils lustige Weise auf einer Bühne in manchmal unmöglichen Kostümen zur Schau stellen zu wollen. Erfordert manchmal Mut. Umso mehr freut es mich, wenn ich bei den meisten Auftritten, besonders natürlich am Weiberfasching, die Begeisterung in euren Gesichtern sehe. Ich sehe, wie ihr langsam in der Gruppe mitwachst – und manchmal auch über euch hinauswachst. Wie ihr euch an Akrobatik versucht, für die ihr mich eigentlich für verrückt erklärt. Ich sehe wie euch dann doch manchmal der Ehrgeiz packt.
Und auch wenn ihr mich gelegentlich echt viele Nerven kostet und ich mir manchmal mehr wie bei einer Horde Kleinkinder vorkomme – ihr seid mir sehr ans Herz gewachsen. Drum fällt das Projekt „Leitung Männerballett“ tatsächlich auch in die Rubrik „Lieblingsbeschäftigungen“. Und wenn für uns alle nebenbei viel Zeit drauf geht, sie wird doch mit vielen schönen Momenten beim „Weltbesten Männerballett“ entlohnt. Schön ist es auch von euch immer wieder zu hören: „Du weißt doch Eva, wenn es drauf ankommt – dann sind wir da!“ Yes.
Und wenn wir mal ehrlich sind, ihr habt schon auch gut was davon.
Wo sonst wird man als Otto Normalmann von hunderten von Damen bejubelt, wenn man sich mal ein T-Shirt auszieht? 😉
Und wo sonst kreischen so viele Frauen auf einmal, wenn ihr mit der Hüfte kreist…? 😉
















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