Komplimente für meine Schilddrüse.

Zugegeben ich habe gar keine Schilddrüse mehr. Leider. Ich trauere ihr nämlich immer noch hinterher. Mein Leben hängt jetzt nämlich an einer täglichen Tablette. Wenn ich daran denke, wird mir immer noch schlecht. Nein, ich hatte keinen Knoten und keinen Krebs. Ich hatte eine „stinknormale“ Schilddrüsenüberfunktion mit der Autoimmunerkrankung Morbus Basedow. Oder doch nicht?

Meine Geschichte.

Wie bei so vielen Frauen trat das nach der ersten Schwangerschaft in Erscheinung. Rund 15 Monate nach der Geburt meines ersten Kindes war ich so ausgezehrt, abgemagert und ausgelaugt, dass ich doch mal zum Arzt bin. Da mich mein Sohn seit Monaten nachts stündlich weckte und auch tagsüber keiner von der sogenannten pflegeleichten Sorte war, habe ich das Ganze auf den damit verbundenen Dauerstress und auch meine damit einhergehende schlechte und spärliche Ernährung geschoben. Da ich aber in Kürze wieder das Arbeiten anfangen musste und nicht wusste, woher ich dazu die Kraft nehmen sollte, war es an der Zeit, etwas zu unternehmen. Die Hausärztin fragte mich schon vor der Blutabnahme durch die Blume, ob es mir „sonst“ gut geht. Nein, psychisch hatte ich wissentlich nichts… Ruft aber die Arztpraxis am nächsten Tag bei dir an und vereinbart dir auch von sich aus einen Termin beim Facharzt, ja dann weißt du schon ein bisschen, wie der Hase läuft. Die Diagnose „Schilddrüsenüberfunktion“ und „Morbus Basedow“ wurde dann vom Nuklearmediziner bestätigt. Man nimmt nun Tabletten, die die Überfunktion drosseln und das bis zu zwei Jahren. Entweder es pendelt sich in der Zeit wieder von selbst ein oder sie wird im Anschluss entfernt oder radioaktiv ausgeschaltet – was dann lebenslang Tabletten gegen die Unterfunktion mit sich zieht. Die Tabletten gegen die Überfunktion seien auf Dauer zu schädlich, deshalb dürfe man sie nur einen gewissen Zeitraum nehmen. Außerdem sollte ich jodhaltiges meiden.

Naja gut, dachte ich, ich nehme jetzt die Tabletten (mehr macht die Schulmedizin nicht) und gehe zusätzlich zur Heilpraktikerin meines Vertrauens, da wird das dann schon. Außerdem aß ich wieder regelmäßiger und besser und nahm hochwertige Nährstoffe ein.

Die Zeit verging und es ging mir irgendwann auch wieder gut. Aber die Blutwerte ließen angeblich keinen Auslassversuch der Tabletten zu. Also musste ich mehr versuchen, denn langsam rannte mir die Zeit davon. Letztendlich war ich bei drei wirklich sehr guten Heilpraktikern. Die auch alle recht hatten aber obwohl ich schon viel verstanden hatte – das Große und Ganze dann doch noch nicht. Die dritte war sogar eine zertifizierte Schilddrüsenpraktikerin, die mit einem in Deutschland führenden, ganzheitlichen und auf die Schilddrüse spezialisierten Endokrinologen zusammenarbeitete (bei dem wartete man zwei Jahre auf einen Termin und diese Zeit hatte ich nicht).

Am Ende der zwei Jahre durfte ich es doch mal ohne versuchen. Ich freute mich schon. Aber nach acht Wochen hatte ich einen Infekt und dann sanken die Werte wieder ab. Jetzt galt es eine Entscheidung zu treffen. Maßgeblich an der Entscheidungsfindung beteiligt war unser Wunsch nach einem zweiten Kind. Schwanger werden durfte man mit Überfunktion und Morbus Basedow auch nicht. „Lassen Sie sich die Schilddrüse raus nehmen, dann können sie so viele Kinder bekommen, wie sie wollen“, sagte der Nuklearmediziner gleich am Anfang bei der Diagnosestellung. Vor Operationen graust es mir aber grundsätzlich und die wäre ja dann auch gleich so endgültig… Also lieber radioaktiv. Vielleicht kann man da im Nachgang irgendwann doch noch was retten. Aber wie war das mit radioaktiver Methode und Kinderwunsch? Da gingen die Meinungen der Mediziner weit auseinander.

Alles in allem war es eine sehr nervenaufreibende Zeit. Auf der einen Seite das Baby und spätere Kleinkind, welches mir viel abverlangte. Dazu all die Beschwerden und Auswirkungen, die so eine Überfunktion und Tabletteneinstellung mit sich bringt. Man denke nur an all die Hormone und was die so alles auslösen… Hinzu kam noch, dass mich obendrein ein Kardiologe verrückt machte. Ich war eigentlich schon eifersüchtig auf all die, die wenigstens „nur“ eine Unterfunktion und Hashimoto haben. Die ist auch schon Mist aber da kann man wenigstens sein Leben lang dran herumdoktorn mit Hoffnung auf Besserung/Heilung (ich weiß, einige Mediziner widersprechen mir jetzt). Schlussendlich, mit schlechtem Gefühl und sehr resigniert habe ich sie mir entfernen lassen. Ich war kurz zuvor auch nochmal bei der Schilddrüsenpraktikerin, die mir mit ihrem Ultraschall bestätigte, dass die Schilddrüse noch immer eindeutig nach Morbus Basedow aussah. Das war so die letzte Entscheidungsstütze, ich hatte aufgegeben.

Nach der OP bekam ich beim Entlassen obligatorisch den histologischen Befund der Schilddrüse mit nach Hause. Zur Weiterleitung an den Facharzt. Darin stand: „…leichte Entzündung im linken Schilddrüsenlappen….“ und „…keine typischen Anzeichen von Morbus Basedow…“

Oh war ich sauer.

Sauer war ich auch immer noch bei der Nachkontrolle beim Nuklearmediziner. Seine Antwort: „Seien sie doch froh, dass es kein Krebs ist.“ Und schwupps, war er zur Tür draußen. Krebs? Davon war doch eh nie die Rede….

Und dann?

Wenn du sie heraußen hast, dann wird es dir viel besser gehen, haben mir die Mediziner alle versprochen. Pustekuchen.

Drei Jahre hatte ich am Ende gebraucht, bis es mir wieder gut ging. Bis ich mir vorstellen konnte, nochmal eine Schwangerschaft zu schaffen. Beim wieder auf die Beine kommen hat mir aber keine Schulmedizin geholfen. Im Gegenteil, ich fiel aus der Norm. Meine Werte schwankten nicht im 0,1… Bereich, wie sie das wohl im Normalfall über einen längeren Zeitraum tun. Mein TSH sprang zum Beispiel binnen zwei Wochen von 3,… auf 14,…! Zwei Wochen nach der OP war ich so fertig, dass ich mich kaum mehr auf den Beinen halten konnte. Werte kontrolliert man aber in der Regel in viel längeren Zeitabständen. Meine Hausärztin musste gesundheitlich länger pausieren. Als sie endlich zurückkam wurden mir glücklicherweise kürzere Abstände verordnet, sodass schneller reagiert werden konnte.

Was half mir denn dann?

Naja, letztendlich musste ich viele Initiativen ergreifen, um mir selbst zu helfen. Viel lesen, viel fragen, versuchen ein Bild zu machen. Ein bisschen der Durchbruch war eine Lektüre, die ich irgendwann gefunden hatte und die meine Geschichte fast exakt erzählte. Diese bewog mich dazu, meine Ernährung mal richtig, richtig umzustellen. Verhältnismäßig gesund ernährt hatte ich mich schon lange. Aber das hier war schon hart. Und auch nicht gut mit der Familie zu vereinbaren. Aber es ging. Gute Nährstoffe nahm ich ja schon lange. Zusätzlich ergriff ich Entgiftungsmaßnahmen. Mein Wassertrinkverhalten habe ich nochmals verbessert. Und ich habe Psychohygiene betrieben. Ohne Psychiater und Co. aber trotzdem richtig schnieke. Geht. Ich musste viel Rädchen drehen, bis ich spürbaren, dauerhaften Erfolg hatte. Etwas bange war mir dennoch vor einer weiteren Schwangerschaft. Es kam auch tatsächlich zu diversen Wertesprüngen aber alles in allem ging alles gut.

Die Schilddrüse.

Als ich die Diagnose erhalten hatte, musste ich mich erst mal schlau machen. Ich hatte zwar schon davon gehört, dass man eine Schilddrüse hat, aber damit war mein Wissenstand auch schon am Ende. Nun ja, gefühlt hat sie überall ihre Finger im Spiel. Hormone, Darm, Niere, Kreislauf, Muskeln, Stoffwechsel, Psyche…. Sie steuert und reguliert sehr viel. Kein Wunder, dass es auch so viele unterschiedliche Auswirkungen hat, wenn sie mal aus dem Takt gerät. Die Schilddrüsenpraktikerin erklärte mir, dass die Schilddrüse eigentlich noch sehr schlecht erforscht sei. Da man das essentielle Hormon so leicht ersetzen kann, gibt es keine große Notwendigkeit weiter zu forschen. Wahrscheinlich sei aber, dass sie eine viel größere Anzahl an Hormonen produziert und reguliert. Zudem war ich erstaunt, wie viele Leute auch ein Problem mit der Schilddrüse haben. Wenn ich irgendwo was davon erzählt habe, hat fast jeder Zweite „Hier“ geschrien, „ich nehme dafür auch Tabletten.“ Verrückt.

„Mit unseren Produkten wäre dir das nicht passiert.“

Das und vieles andere habe ich von Networkern und dergleichen gehört. Naja, mal ganz langsam. Ich freue mich für jede Person, die das so oder anders wieder regulieren konnte. Aber zum einen war ich da bereits sehr gut versorgt und zum anderen ist nicht jeder gleich. Bei mir hat das alleine definitiv nicht gereicht.

Mein Fazit.

Meiner Erfahrung nach reicht es selten, an nur einer Stellschraube zu drehen. Und noch seltener reicht das dauerhaft.  Es geht nicht alles auf einmal und von heute auf morgen. Meistens ist ein Gesamtpaket erforderlich. Ernährung, Lebensstil, Gedankengut usw. spielt alles mit rein. Den Körper und die Seele im Gesamten wieder aufbauen. Wünschenswert wäre, Alternativ- und Schulmedizin würden Hand in Hand arbeiten. Die meisten aber sind selbst gefordert – und überfordert – wenn sie ihren Zustand besser verstehen und ändern möchten.

Ich habe selbst erst im Laufe der Zeit gelernt, was da so alles mit rein spielt. Was zum Beispiel reaktivierte Viren damit zu tun haben. Oder dass man auch die Nebennieren nicht vergessen sollte. Ich werde auch mein ganzes Leben damit zu tun haben, gut auf mich aufzupassen und für mich zu sorgen. Das gelingt mir nicht immer gleich gut. Zeitlich, finanziell oder familiär geht nicht immer alles. Vermutlich bei den wenigsten. Aber was gerade geht, das mache ich auch meistens.

Ich würde allerdings Schwangeren, die bisher noch nichts mit der Schilddrüse hatten, raten, am Anfang der Schwangerschaft den Schilddrüsenwert bestimmen zu lassen. Auch wenn dies keine Kassenleistung ist sondern Zusatzkosten verursacht. Aber unerkannte Schilddrüsenprobleme können zu Problemen in der Schwangerschaft führen (wie auch schon dazu, dass man gar nicht erst schwanger wird…). Und sie auch als spätere Mama immer ein bisschen im Hinterkopf haben.

Das sind aber alles nur meine persönlichen Erfahrungen, meine persönliche Meinung und das was ich erlebt habe. Was für mich gilt, gilt nicht für andere. Anderer Körper – andere Voraussetzungen – andere Auswirkungen – anderes Handeln!

Meine Schilddrüse.

Tja meine liebe Schilddrüse. Wenn ich an dich denke, bin ich immer noch sehr traurig. Wir hatten ja nur eher kurz das Vergnügen miteinander und dann habe ich dich scheinbar auch noch unnötigerweise entfernen lassen. Ich war sehr sauer auf dich, was du mir da alles angetan hast. Dabei habe ich dich nicht richtig verstanden und nicht erkannt, was du eigentlich alles für mich geleistet hast. Und was du gebraucht hättest. Es tut mir sehr leid. Ich wünschte, ich könnte das rückgängig machen aber leider geht das nicht. Ich danke dir rückwirkend für alles, was du für mich getan hast. Und nachdem ich jetzt mehr weiß als damals – ein Riesenkompliment an dich, Schilddrüse! Was du als verhältnismäßig kleines Organ für eine Verantwortung hattest und was du alles gemeistert hast ist schier unglaublich 🙂

Du und deine Schilddrüse.

Wenn ihr auch Probleme mit der Schilddrüse habt, dann geht es euch vielleicht so wie mir und ihr verteufelt sie. Ich hatte irgendwie eine innere Ablehnung gegen sie, weil sie mir so viele körperliche Beeinträchtigungen bescherte. Ich denke, vielen von euch geht es wirklich so ähnlich – die Tabletten werden eingenommen und ansonsten wird sie ignoriert. Eventuell noch ein bisschen Selen oder Jod supplementiert.

Vielleicht ist der eine oder andere von euch dazu bereit, sich mal näher mit ihr zu befassen. Nachzulesen, was sie euch alles für Dienste leistet und sie zu bestaunen, welche und wieviele Aufgaben sie für euch zu erledigen hat. Irgendetwas passt nun nicht mehr mit ihr – es geht ihr quasi nicht gut. Im Körper ist irgendwas nicht im richtigen Takt, das hat wahrscheinlich viele verschiedenen Ursachen. Sie braucht jedenfalls eure Hilfe.

Leider wird man nicht die Rundum-Überholung des Körpers irgendwo kaufen können oder sich einfach mal in der Werkstatt die Spur neu einstellen lassen. Schön wäre das natürlich. Aber Schritt für Schritt, mal mit kleineren, mal mit größeren, kann man seinem Körper und seiner Schilddrüse helfen. Die Schamanen sprechen mit ihren Organen. Das ist den meisten sicher zu eso. Ich kann mir aber vorstellen, dass es vielleicht das Gefühl für sie ändern würde. Die innere Einstellung dazu. Dem inneren Kampf, den man irgendwie gegen seinen Körper führt, etwas das Feuer zu nehmen.

Wer weiß, sprechen kann sie ja nicht mit euch aber womöglich, irgendwann, zeigt sie eine Reaktion auf eure „Komplimente“ – zum Beispiel bessere Werte und damit eine niedrigere Tablettendosis. Oder ein besseres körperliches und mentales Wohlbefinden. Oder eure Diagnose löst sich gar in Luft auf. Manch einer hat das Glück. Ich jedenfalls wünsche es euch allen 🙂

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