
Vor kurzem startete ich in den sozialen Medien den Aufruf „Mann gesucht“. Jedoch nicht als Besetzung für gewisse Stunden sondern für gewisse neue Artikel ;-). Da meine aktuellen Projekte doch überwiegend und unbeabsichtigt weiblich besetzt waren, musste kurzfristig (im Zuge der Gleichberechtigung ;-)) einfach mal ein Mann her, auf den oder dessen Tätigkeiten man mal einen Blick durch die Komplimente-Brille werfen sollte.
Prompt kam da die Antwort von Michaela: „Auf ‚meinen‘ Claus!“. Und prompt war wiederum ich begeistert. Denn wie ich bereits wusste, gehen Michaela und Claus schon einige Jahre Seite an Seite durch’s Leben und das nicht immer geradlinig. Wenn man dann noch immer – oder Michaela würde vielleicht sagen: „Erst recht!“ – der Meinung ist, dass der Partner unbedingt einen Artikel voller Komplimente verdient hat – hey, dann ist doch eigentlich bereits das das Kompliment 🙂
Und so hatte ich ziemlich schnell ein Telefondate mit Claus. Und als ich auflegte war ich wieder einmal dankbar und fasziniert, zu welch tollen Menschen mich meine Komplimenteschmiede führt…
Darf ich vorstellen?
Claus ist Mitte 50 und lebt mit seiner Partnerin Michaela in einem kleinen Dorf in der Gemeinde Gerzen in Niederbayern. Von Beruf ist er IT-Spezialist und lebte deshalb zuvor seit dem Studium über 30 Jahre in der Großstadt München. Michaela war es dann, in deren Kopf sich der konkrete Wunsch formte, in einem alten Bauernhaus leben zu wollen – was er mit einem schmunzelnden „Na dann such mal“ quittierte. Michaela suchte und wurde fündig. So kam es, dass die beiden heute eben in einem alten Bauernhaus mit entsprechendem Anwesen leben und zusammen mit ihren beiden Katzen dort sehr glücklich sind. Claus genießt es, sich um den Hof zu kümmern. Anfallende Arbeiten wie Wiese mähen (das macht er sogar noch richtig traditionell mit der Sense) oder für Brennholz sorgen, sind für ihn ein sehr guter Ausgleich zu seiner sitzenden Bürotätigkeit.
Während er also beruflich als IT-Spezialist leidenschaftlich einer kopflastigen, nüchternen Wissenschaft nachgeht, findet man in seiner Freizeitgestaltung mehr kreative und herzgesteuerte Tätigkeiten und kaum ein 08/15-Hobby. Als erstes erzählt er, dass er unheimlich gerne Liegedreirad fährt und so für die nötige Bewegung sorgt. Grundsätzlich sei er eh gerne draußen in der Natur. Dann berichtet er davon, dass er Handschmeichler aus Holz herstellt. Überwiegend in Form eines Stockes zum Wandern oder Gehen, manche werden aber auch zu dekorativen Zwecken verwendet. Er bearbeitet das Holz in seinen Formen und mit seinen Kanten so, dass es nachher ganz fein und geschmeidig in der Hand liegt. Dazu nutzt er ausschließlich ein scharfes Messer (scharfe Messer findet er übrigens generell gut. Sei es für’s Holz, in der Küche oder unterwegs ;-)). Entweder schält und glättet er es mit einem hochwertigen Taschenmesser oder auch gerne mit einem japanischen, mehrlagigen Damaszener-Messer. Die Japaner finden, dass ein Holz glatt genug ist, wenn seine Oberfläche in der Sonne das Licht reflektiert. Diese Ansicht sagt auch Claus zu 🙂 Zum Schluss gibt er vielen seiner Werke noch eine leuchtende, gesättigte Farbe. Das mag er einfach.
Außerdem hat er eigentlich immer und überall einen Fotoapparat oder zumindest sein Handy dabei. Fotografieren ist nämlich ein weiteres Hobby von ihm. Dieses hat er von seinem Vater übernommen und der Vater war es auch, der Claus im Alter von acht Jahren seine erste Kamera schenkte. Während der Corona-Pandemie hat Claus angefangen, seine Fotografien fast täglich auf einer Online-Plattform zur Verfügung zu stellen. Er fand so einen Weg, seinen Eltern weiterhin die Welt draußen zeigen zu können, da sie in dieser Zeit aus Vorsichtsgründen nur noch selten vor die Tür gingen. Seine Mutter fand die Leidenschaft für’s Fotografieren an seinem Vater immer sehr interessant. Dieses Interesse war ein weiterer Beweggrund, als Sohn seine Eltern mit einer Art Fotografie-Tagebuch an seinem Leben teilhaben lassen zu wollen. Ich finde das ist ein sehr schönes Kompliment. Er hat sich Gedanken gemacht, wie er ihnen eine Freude bereiten kann, was seinem Vater und auch der Mutter am Vater viel bedeutet hat und etwas für alle Parteien Bereicherndes gefunden.
Auch der Tod hat einen Platz in seinem Leben. Diesen Platz hat der Tod vor einigen Jahren auf brutalste Weise an sich gerissen und Claus‘ Leben dadurch irgendwo an einem Nullpunkt abgestellt. Heute räumt er ihm diesen freiwillig ein und gibt die aus den seither gemachten Erfahrungen und Lehren gewonnene Stärke als Hospizbegleiter weiter. Und dann zog er ja auch noch eine Lebenspartnerin an, die es als Grabrednerin gekonnt vermag, dem Tod nochmal ein Stückchen Leben einzuhauchen. Tatsächlich macht dieses Thema eine ganz große Resonanz zwischen ihm und Michaela aus. Sie wissen beide in welchen Formen der Tod daher kommen kann, sie sind beide überzeugt, dass er nicht das Ende ist, sie haben beide keine Angst vor ihm und sie kennen die starke Bindung, die er zwischen zwei Menschen erschaffen kann…
Was ist ein Kompliment für dich?
„Für mich ist ein Kompliment etwas, womit man einem anderen eine Freude machen kann.“
Claus und Komplimente.
Ich frage ihn, ob er selbst großzügig oder sparsam im Verteilen von Komplimenten ist. Er antwortet, dass er inzwischen wesentlich mehr Komplimente und positive Rückmeldungen gibt als früher. Das führt er auf den Umgang und die Offenheit untereinander in der Meditationsgruppe, die er besucht, zurück. Diese hat viel in seinem Leben verändert.
Komplimente in deinem Beruf.
Ich möchte wissen, wie es denn allgemein um die Wertschätzung in der IT-Branche und in diesem Beruf steht. Sehr, sehr unterschiedlich meint er. Letztendlich sei es wie überall: Es gibt Auftraggeber, Geschäftspartner und Kollegen, die die Arbeiten als selbstverständlich entgegennehmen und es gibt diejenigen, die ihre Anerkennung und Zufriedenheit zum Ausdruck bringen.
Claus hat mittlerweile seine soziale Ader und seinen wissenschaftsorientierten Kopf auch im Beruf unter einen Hut gebracht: Er ist seit einiger Zeit Betriebsrat. Nach seinem größten Kompliment im Beruf gefragt, fällt ihm als erstes ein Beispiel aus eben dieser Sparte ein: Im Juni 2021 wurde seine Firma verkauft und in diesem Zuge mussten viele Betriebsvereinbarungen neu vereinbart werden. Die neue Muttergesellschaft hatte eigens eine Mitarbeiterin eingestellt, die diesen Übergang mit unterstützen sollte. Als diese nach getaner Arbeit das Unternehmen wieder verließ, fragte sie, ob sie künftig Claus als Referenz für Betriebsräte nennen darf, da die Zusammenarbeit mit ihm so konstruktiv und angenehm war. Er ist ebenfalls sehr dankbar dafür, dass sein Chef ihm für seine Arbeit und auch für die Tätigkeit als Betriebsrat den Freiraum und die Zeit schenkt, die er benötigt – einfach weil er weiß, dass auf Claus Verlass ist und dass das, was er anpackt, Hand und Fuß hat.
Ich frage ihn noch, ob er heute noch immer diesen Beruf wählen würde, nachdem ihn das Leben im privaten Bereich in eine ganz andere, weniger wissenschaftliche Richtung geführt hat. Das bejaht er sofort. „Diese intellektuelle und wissenschaftsorientierte Seite muss und darf auch ausgelebt werden.“ Eine kurze, einfache Begründung, die mir aber sehr imponiert. Wenn man mal darüber nachdenkt sind es nicht wenige, die im Laufe der Zeit bestimmte Interessen oder, ja, Teile ihrer selbst ablehnen, weil sie mit irgendwelchen (neu gewonnen) Überzeugungen, Beurteilungen anderer oder aus gesellschaftlichen Gründen nicht mehr kompatibel mit etwas zu sein scheinen. Claus hat hier mit der Zeit eine Toleranz sich selbst gegenüber gewonnen, die vermeintlich Gegensätzliches zulässt und dessen Daseinsberechtigung anerkennt. Ein wirklich schönes Kompliment für sich selbst 🙂
Komplimente? Bitte mehr davon.
Ja, für was braucht es denn seiner Meinung nach definitiv mehr Komplimente?
Kurz und knackig: „Ehrliche Komplimente“. Alles gesagt. Ich stimme vollends zu.
Allgemein betrachtet schaut er da auf den Menschen an sich. Dass sich die Leute selbst und untereinander so akzeptieren, wie sie sind und nicht irgendwelchen Idealen hinterherlaufen, von denen manche nicht einmal wissen, woher sie kommen.
Das fängt bei einer biblischen Weisheit an, wie er anmerkt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Nur müsse man hier das Augenmerk zuerst auf den hinteren Teil des Satzes legen und sich einmal überlegen, wie genau man denn sich selbst liebt – bevor man einen anderen auf die gleiche Weise liebt… Deshalb bitte mehr Wertschätzung für die eigene Person, findet Claus.
Außerdem wünscht er sich mehr Anerkennung und mehr Bewusstsein für all diejenigen, die wertschätzende Kommunikation praktizieren. Beziehungsweise, die den Wert und Sinn dieser Kommunikationsform überhaupt erst einmal kennen und sich darin immer weiter üben. Getreu dem Motto: „Denke jetzt bloß nicht und auf gar keinen Fall an einen rosaroten Elefanten und du weißt wie der menschliche Denkapparat funktioniert.“ 🙂
Und gibt es etwas, wofür er sich für sich selbst mehr Komplimente wünscht? Da überlegt er nur kurz: „Eigentlich nicht. Ich hab mittlerweile schon ein wertschätzendes Umfeld um mich herum und da krieg ich schon immer ordentlich was ab!“ Man hört dabei das freudige Lächeln aus seiner Stimme heraus. Ich finde auch, das ist ganz unbedingt ein Grund zur Freude, was will man denn mehr? 🙂
Ein spontanes Kompliment an das Leben.
„Es hat mich genau an den richtigen Ort gebracht.“
Er erzählt, dass das Dorf, in dem er jetzt lebt, nur 30 km vom Geburtsort seiner Oma mütterlicherseits entfernt liegt. Diese Familienlinie habe ganz wesentlich dazu beigetragen, dass er sehr viel Positives im Leben mitbekommen hat. Und so ist es jetzt irgendwie einfach stimmig, dass er – zusammen mit Michaela – in einem Dorf und in einem Anwesen gelandet ist, welches er als 6er im Lotto bezeichnet. Weil da einfach rundum alles passt. In dem kleinen Dorf sind quasi allesamt Nachbarn und sie sind so offen und warmherzig empfangen worden, wie man sich nur denken kann – was nicht immer selbstverständlich ist, wenn in ein kleines Dorf Fremde und dann auch noch langjährige Städter ziehen 😉 Auch erleben sie hier eine Hilfsbereitschaft und einen Zusammenhalt, wovon man woanders nur träumen kann. Da wird mal eben im Vorbeifahren mit der passenden Gerätschaft ein riesiger Haselnussstrauch samt Wurzeln entfernt. Hilfe beim hofeigenen Brunnen – kein Problem. Eine Bank aus Fichtenholz vor dem Haus – gern geschehen.
Und dann ist da ja noch der Hof an sich, der all die Möglichkeiten in sich potenziert, die ein starkes Gefühl von Zuhause angekommen sein bieten.
Für all das sind Claus und Michaela einfach grenzenlos dankbar.
Dein größtes Kompliment.
„Das größte Kompliment in meinem Leben ist das Wissen, dass Michaela mich unterstützen wird, egal welchen Weg ich auch gehen werde.“
Sie seien beide sehr verschieden. So ist Michaela zum Beispiel eine absolute „Rampensau“ und er das komplette Gegenteil davon, erzählt mir Claus schmunzelnd. Doch völlig gleich wie unterschiedlich sie auch manchmal sein mögen, sie gehen und schauen trotzdem immer in die gleiche Richtung.
Lieber Claus,
ich habe ja eingangs schon geschrieben, dass ich froh bin unverhofft auf dich gestoßen zu sein und auch du jetzt irgendwie in meiner Komplimenteschmiede „mit drin“ bist 🙂
Ich finde es immer wieder bewundernswert, wenn Menschen nach schweren Schicksalsschlägen nicht im Tal hängen bleiben, sondern einen Weg finden, trotz des schweren Rucksacks und trotz schwerer, bleibender Verletzungen und Narben, den steilen Berg wieder hinaufklettern zu können. Und die dann auch noch wieder die Aussicht auf den verschiedenen Ebenen und am Gipfel genießen können und zusätzlich anderen die Hand reichen, um sie mit nach oben zu geleiten.
Du bist auch so eine Persönlichkeit. Wie du es selbst formuliert hast, standest du nach dem Tod deiner Tochter irgendwo im Nichts und hast von außen auf die Welt geschaut und all die „weltlichen“ Probleme wurden sowas von nichtig. Dein Innen- und Außenblick auf die Welt hat sich dadurch erheblich und nachhaltig geändert.
Heute erlebst du, was dieser Blick in deinem Leben für dich geschaffen hat. Du hast ein wertschätzendes Umfeld, lebst in einer Umgebung, die dich erfüllt und hast eine Partnerin, die dich auf jedem deiner Wege bedingungslos unterstützt.
Du strahlst diese Persönlichkeit auch aus und kannst anderen dadurch bewusst und unbewusst einen Mehrwert bieten.
Ein bisschen bist du wie deine Handschmeichler. Holz ist flexibel bearbeitbar, für filigrane und große Bauwerke geeignet und dabei sehr stabil. Du bewahrst dir eine flexible und tolerante Geisteshaltung und bleibst dabei meist in deiner Mitte recht stabil. Entweder das Leben bot dir die passenden Werkzeuge, um es dir mit all seinen Ecken und Kanten so fein zu bearbeiten, dass es letztendlich nicht nur dir schmeichelt, sondern du gleichzeitig auch eine große Stütze für andere bist – oder du hast sie dir selbst gesucht. Auch extern zugefügte, grobe Einkerbungen bringen den Stock nicht zum Zerbrechen. Und wann immer es dir möglich ist, machst du dir die Welt leuchtend bunt und farbenfroh.
Ach ja, ich kann mich auch nicht daran erinnern, mich mal mit jemandem unterhalten zu haben, der mir gegenüber Vielsagendes so präzise, treffend, kurz formulieren konnte wie du. Da müsste ich mir mal eine Scheibe von abschneiden 🙂
Ich wünsche mir, auch in Zukunft nun immer mal wieder was von dir zu hören, zu sehen oder zu lesen und dir wünsche ich, dass der von dir eingeschlagene Weg weiterhin so warm, bunt und bejahend bleibt 🙂
Das letzte Wort, oder in dem Fall besser gesagt das letzte Kompliment, sollte doch aber dein Herzensmensch Michaela haben 😉 Bitteschön:
„Ich habe im Leben bisher keinen solchen Mann kennengelernt, der nach außen so nerdig ist, aber innen sowas von menschlich und offen für alles und zu jedem ist. Ich bin glücklich, dass dieser Mann an meiner Seite ist. Einen Besseren hätte ich mir nie wünschen können!“
Bildrecht: Claus Bratvogel


Kommentar verfassen