Komplimente für die Kirchenmalermeisterin – Agnes vereint historisches Kunsthandwerk mit klassischer Bauarbeit

Manchmal ist es ja so, dass man direkt in Erstaunen und Bewunderung verfällt, wenn einem jemand seine berufliche Tätigkeit nennt. Oftmals weil es ein außergewöhnlicher, kaum bekannter, gefährlicher oder in irgendeiner anderen Art besonderer Beruf ist. Mir erging es seinerzeit bei Agnes so, denn sie setzte einen seltenen Berufswunsch im Handwerk um, der gleichzeitig Talent, Präzision und Liebe zum Detail sowie Bereitschaft zu harter, körperlicher Arbeit erfordert. Das Ganze auch noch als Frau. Und dann besaß sie auch noch die „Dreistigkeit“ sich darin selbstständig zu machen 😉

Ich spreche mit ihr u. a. über ihr Berufsfeld, Herausforderungen und Schönheiten darin und natürlich über Komplimente…

Darf ich vorstellen.

Agnes wohnt im Markt Zapfendorf im Landkreis Bamberg in Oberfranken. Hier hat sie auch ihren Firmensitz. Eigentlich könnte man aber fast sagen: Sie ist auch unterwegs zuhause. Ihr Beruf erfordert es viel auf Achse zu sein – sie ist selbstständig als Kirchenmalermeisterin und Restauratorin im Handwerk.

Eigentlich wollte sie nach dem Abitur Kunsttherapie studieren. Die Studienberatung riet ihr jedoch davon ab – für studierte therapeutische Berufe sei sie dann noch zu jung, etwas mehr Lebenserfahrung wäre wünschenswert – und schlug ihr stattdessen als Basis erst mal eine Ausbildung in diese Richtung vor. Sie entschied sich für den Beruf „Kirchenmaler“ und erlernte diesen in der Nähe von Passau in Niederbayern. Nach dreijähriger Ausbildung arbeitete sie für weitere drei Jahre als Gesellin in ihrem Lehrbetrieb bevor sie ihren Meister in München machte. Dort gibt es die einzige Meisterschule für Kirchenmaler in ganz Deutschland. Im Anschluss erhielt sie ein Stipendium an einer Restauratorenschule in Italien und absolvierte dann noch eine Zusatzausbildung als Restauratorin im Handwerk. Im Jahr 2017 wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit.

Damit nicht genug ist sie seit 2020 auch noch Yogalehrerin. Und obwohl sie viel unterwegs ist praktiziert sie das wann immer es geht an der VHS. Wenn sie ganz viel Zeit hat – also nie, es sei denn es ist Pandemie 😉 – bringt sie ihre Leidenschaft für filigranes Kunsthandwerk auch noch auf’s Porzellan. Während Corona hat sie den Etsy-Shop „GoldenDotsArtwork“ eröffnet. Hier kann man von ihr handbemalte, wunderschöne kleine Kunstwerke mit sehr aufwendigen und detaillierten Motiven erwerben. 

Ihr Berufsleben.

Heute „therapiert“ sie also anstelle von Menschen Kirchen, historische Malereien und Figuren von teils unschätzbarem Wert und andere denkmalgeschützte Objekte 🙂 Außenstehende haben davon eine fast romantische Vorstellung. Diese trifft aber eigentlich gar nicht so zu. Klar, zum einen bedeutet das schon filigrane, präzise Malerarbeit in Werkstätten oder Gebäuden aber zum anderen steht sie auch wochenlang bei Minusgraden oder Hitzerekorden auf der Baustelle, schleppt schwere Materialien und verrichtet fordernde, körperliche Arbeit.

Als Selbstständige musste sie sich erst mal einen Namen machen, um bei potenziellen Auftraggebern ins Gespräch und auf deren Kontaktliste zu kommen. Aufträge zu erhalten ist gar nicht so einfach. Meist wird sie von der Kirche, vom Staat oder von Privateigentümern beauftragt. Vieles läuft hier über Ausschreibungen und die Vergabe über Architekturbüros. Das bedeutet mitunter auch mal „Klinken putzen“. Manchmal bildet man aber auch Arbeitsgemeinschaften mit anderen Firmen oder hilft dort aus. Und manchmal muss man auch einfach Glück haben.

Nicht zu vergessen: Werbung, Social Media und Bürokratie verschlingen massig zusätzliche Zeit nebenbei.

Sie ist hauptsächlich in Süddeutschland und der Schweiz tätig. Anfragen erreichen sie aus ganz Deutschland. Also wenn man möchte, könnte man bundesweit arbeiten.

Trotz all der Herausforderungen ist es für sie ihre wirkliche Berufung, der sie mit Leidenschaft nachgeht und die ihr ein absolutes Zufriedenheitsgefühl erschafft. Sie schätzt am meisten die Abwechslung, die sie in diesem Beruf hat. Die umfangreichen Arbeits- und Einsatzmöglichkeiten. Sogar die unterschiedlichen körperlichen Belastungen. Ich frage nach ihrer Lieblingstätigkeit. Das sind alle Arbeiten, die an der Wand anfallen.

Frauen im Kirchenmalerberuf…

… sind tatsächlich gar nicht so selten. Obgleich der Beruf an sich natürlich schon selten ist. Selbstständige Kirchenmalerinnen sind aber doch die Ausnahme.

… müssen im „männlichen Territorium Baustelle“ sehr taff sein und dürfen auf keinen Fall zart besaitet sein. Mit einem mädchenhaften, weichen Auftreten würde frau eher unter gehen. Agnes merkt schmunzelnd an, dass sie dieses Taff-Sein im Privaten manchmal unbewusst nicht ablegen kann.

… sind nicht familienkompatibel. „Meine Kolleginnen haben keine Kinder“, sagt Agnes. Fängt schon damit an, dass es schwierig ist, überhaupt eine Beziehung zu führen. Nicht jeder Partner macht die ständigen und teils sehr langen Auswärtsaufenthalte mit. In der Selbstständigkeit muss man sich auch die Elternzeit erst mal leisten können. Gleichzeitig rückt man in den Hintergrund was Auftraggeber, Kontakte und Geschäftsbeziehungen angeht. Und wie macht man dann weiter, wenn ein Kind da ist? Es fährt sich schlecht täglich hunderte Kilometer in Teilzeit… Sein ursprüngliches Berufsfeld kann man dann nicht mehr bedienen und muss erst mal sehen, wie es weiter gehen kann.

… müssen mehr als jeder männliche Kollege „ihren Mann stehen“. Sie müssen sich viel mehr behaupten und viel mehr leisten. Eine Frau auf der Baustelle oder vor möglichen Auftraggebern, noch dazu als ihre eigene Chefin, erhält oftmals nicht sofort Anerkennung. Gleichberechtigung und gleiches Ansehen sind hier noch lange keine Realität.

… muss sich ihre Freundlichkeit und Neutralität bewahren, egal welcher Wind ihr entgegenschlägt. Manchmal sind sie gern gesehen, manchmal erleben sie Abwertung.

Baustellen, Frauen und Komplimente.

„Auf der Baustelle sind Komplimente an sich in erster Linie noch sexistisch. Muss man einfach so sagen“, meint Agnes als erstes zu dem Thema. Ist man als Frau freundlich zu den männlichen Kollegen oder hat auch mal ein offenes Ohr für persönliche Belange kann es durchaus passieren, dass einem das mal fälschlicherweise als anderweitiges Interesse ausgelegt wird. Es gilt zu jonglieren zwischen einem freundlichen Miteinander, guter Kollegialität und angemessenem Bewahren von Distanz.

Komplimente in Form von Wertschätzung erhält man natürlich auch. Vorrangig von Auftraggebern wenn der Auftrag zu deren Zufriedenheit ausgeführt wurde. Sie lacht aber auch über die süddeutsche höchste Form des Lobes: „Jetzt bassd’s wieder“ 😉 Joa, der Mensch tut sich halt manchmal irgendwie schwer, seine Bewunderung schön auszudrücken 😉

Eine gern gesehene Anerkennung sind „Baustellenpartys“. Darunter versteht man zum Beispiel von Auftraggebern organisierte Weihnachtsfeiern auf oft langjährigen Baustellen als Zeichen des Dankes für die beteiligten Firmen.

Die höchste Wertschätzung erhält man bei Einweihungsfeiern, Wiedereröffnungen und dergleichen. Wer hier geladen ist, sieht sein geschaffenes Werk in den Fokus gerückt und gewürdigt. Oder von privaten Bauherren. Mit ihnen steht man ja direkt in Kontakt und meist ist es ja auch ein Herzensprojekt ihrerseits. Dadurch wird Freude und Anerkennung auch eher und direkter übermittelt.

Ihr größtes Kompliment.

Gefragt nach dem für sie größten Kompliment oder der am meisten beeindruckenden Geschichte kommt sie zunächst ins Überlegen. „Naja“, sagt sie, „gesprochenes Wort ist schön, aber vergänglich. Ich fasse das eher abstrakter auf. Mich erfüllt es mit tiefster Zufriedenheit, wenn ich sehe was aus mir anvertrauten, oft arg heruntergekommenen Objekten nach erfolgreicher Renovierung oder Gestaltung wird. Wenn sie sich wieder mit Leben füllen, wenn sie anderen Freude bereiten oder einen Mehrwert für sie darstellen. Quasi wenn man die Energie, die ich da rein gesteckt habe, sieht und spürt und sie in dem Objekt sozusagen weiterlebt.“

Sie nennt dabei aber doch ein Beispiel von einem stark heruntergekommenen, alten Bauernhof in Niederbayern, der mühsam renoviert und „wiederbelebt“ wurde und dessen Eigentümerin noch heute mit ihr in Kontakt ist und jedes Mal ihre Freude zum Ausdruck bringt. Mittlerweile wurde darin auch ein kleines Hofcafé eröffnet – eben ein Herzensprojekt, welches sie gerne weiter beim Wachsen beobachtet.

Wofür es mehr Komplimente braucht.

Einfach mal allgemein gestellt erfolgt auf meine Frage erst Stille und dann ein Lachen: „Für alles!“ sagt sie. „Stimmt“, kann ich da nur beipflichten 🙂 Sie führt aber noch ein paar Dinge an:

Allgemein müsse man sich wieder mehr auf die Schönheiten des alltäglichen Lebens besinnen und diese in den persönlichen Fokus rücken – anstelle von andauernder Negativität.

Ebenso sollten die Menschen untereinander wieder von vorneherein ein freundlicheren Umgangston wählen und sich ein bisschen mehr Zeit und Aufmerksamkeit schenken bzw. einfach mal wieder einander richtig zuhören.

Mit ihrem beruflichen Blick würde sie sich mehr Anerkennung für liebevoll genannte „Spinner“ wünschen. Damit meint sie Personen, die aus idealistischen und nicht aus gewinnorientierten Gründen alte Bauwerke oder Traditionen wieder aufleben lassen wollen und solche Liebhaberprojekte verwirklichen.

Außerdem brauche es wieder mehr Wertschätzung für Selbstständige. Die haben mittlerweile oft irgendwie ein fragwürdiges Image. Dabei sollte man sich darauf zurück besinnen, dass dahinter immer einzelne oder wenige Personen stecken, deren Leidenschaft dafür sie dazu angetrieben hat, für ihre Visionen loszuziehen. In Zeiten von maximaler Gewinnoptimierung ist das irgendwo in Vergessenheit geraten.

Liebe Agnes,

meinen Respekt und meine Bewunderung hast du allemal 🙂

Ganz ohne zu romantisieren. Ich habe all die Jahre über gesehen, mit welchem Einsatz und mit welcher Hingabe du all den schwierigen Rahmenbedingungen trotzt und für deine eigene Vision immer wieder losschreitest.

Für dich und für alle Frauen, die mit der gleichen Thematik konfrontiert sind, hoffe ich, dass euch möglichst ab sofort der Respekt gezollt wird, der euch gebührt und so Aktionen wie der Weltfrauentag zumindest in Deutschland nicht mehr nötig sind.

Bodenständig und herzlich zugleich wagst du dich an verantwortungsvolle Aufgaben wie die Restaurierung historischer Objekte und bist dir nicht zu schade, in der Männerdomäne „Baustelle“ bestehen zu wollen.

Ich wünsche dir, dass du deine beruflichen und privaten Ziele und Wünsche auch in Zukunft bestmöglich und erfolgreich unter einen Hut bringen kannst und dass du weiterhin deine Erfüllung in diesem spannenden Beruf findest 🙂

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