
Hallo, November! Endlich bist du da, herzlich Willkommen 🙂
„Na jetzt spinnt sie aber!“, höre ich euch buchstäblich denken. Wer außer Kinder unter 18 Jahren, die in diesem Monat Geburtstag haben, freut sich denn groß auf den November?
Nein, keine Sorge, ich spinne nicht, mir geht es gut, danke. Aber wir sind ja hier in der Rubrik „Komplimente mal anders“. Und da finde ich viele gute Gründe, den November willkommen zu heißen. Zum Beispiel, dass nun bei vielen der Winterblues an die Tür klopft und man ihn quasi aus Versehen, ungewollt hereinlässt. Ein wirklich ungebetener Gast, dieser Winterblues. Und dann hat der auch noch Sitzfleisch. Und unsere höflichen Signale, dass wir jetzt in Eile sind und gleich zum nächsten Termin weiter müssen, uns also gerade sein Besuch gar nicht passt, die ignoriert er ganz gekonnt. Kompliment also an seine Penetranz.
Aber warum besucht er uns denn eigentlich, dieser Winterblues? Hat er ein Gastgeschenk für uns, eine Botschaft?
November rain.
Fangen wir mal von vorne an. Der November kommt im ersten Moment nicht sonderlich attraktiv daher. Ist der August vorbei, seufzt man schon das erste Mal wehleidig auf. Wer’s nicht ganz so heiß mag, freut sich aber vielleicht auch. September, Oktober – ist schon noch alles ok. Im Oktober zeigt sich der Herbst oft von seiner Vorzeigeseite. Der goldene Oktober, noch ein paar warme, sonnige Tage. Vielleicht ein Indian Summer. Die Natur leuchtet noch einmal in den schönsten Farben so richtig auf. Man fährt die Ernte ein, die Natur hat einen ganz besonderen, herbstlichen Geruch. Zeit für Apfelkuchen. Und der Tee fängt auch wieder an zu schmecken.
Aber dann kommt halt Allerheiligen, der „Friedhofstag“ und somit auch der November. Die Blätter fallen gar ab. Nichts mehr mit schönem Grün – alles wird kahl, braun, matschig. Der Himmel kleidet sich überwiegend in Grau. Es ist regnerisch, trüb, nebelig und die Tage werden deutlich kürzer. Damit gehen auch unsere Mundwinkel nach unten. Puh, der Winter liegt erst noch vor uns, die erste Erkältung plagt uns schon, Weihnachten kommt in Sichtweite – und Weihnachten geht ja auch gerade noch – aber dann bitte gleich wieder Frühling.
Gleiches Recht für alle.
Apropos attraktiv. Wieso eigentlich darf sich der Himmel im Winter nicht auch in grau und dunkel chic finden? 😉 Zum einen kleiden sich die Leute nun ebenso überwiegend in dunklen Farben. Warum eigentlich? Klar, ein schwarzer Wintermantel wird nicht so leicht schmutzig wie ein weißer. Aber mal ehrlich, beim Waldspaziergang kann man sich ja dementsprechend schmutzgerecht anziehen. Aber auf dem Weg zur Arbeit oder beim Einkaufen gilt die Ausrede jetzt nicht so. „Schwarz macht schlank“. Okay – aber dann bitte dem Himmel im Winter auch mal graue und dunkle Farben zugestehen, womöglich ist ihm gerade auch mehr danach 😉 Achtung, man findet sie nicht oft aber es gibt sie – bunte Winterbekleidung. Bitte mehr davon 🙂 Wenn ich mir einfach mal vorstelle, beim novemberlichen Stadtbummel kommen mir nicht wie sonst lauter dunkel angezogene Menschen entgegen sondern in der Überzahl farbige Jacken und Mützen – mir würde es gefallen 🙂
Genauso der Wohntrend. Seit einiger Zeit ist es modern, seine Wohnräume viel in grau, weiß, schwarz zu halten. Also unser Zuhause halten wir auch „trist“ – aber macht das die Natur mal für ein paar Monate ist das nicht okay… Es braucht ja keine Villa Kunterbunt. Aber sicher gibt es Möglichkeiten, es sich farbenfroher behaglich zu machen 😉 Dass Farben einen Einfluss auf uns haben können, ist wissenschaftlich bewiesen. Warum uns dies nicht einfach positiv zunutze machen?
Fragt man die Menschen nach ihren Lieblingsbeschäftigungen, ist oft ein lachendes „Schlafen“ dabei. Oder gemütlich auf der Couch ausruhen. In den Urlaub fahren. Alles was mit Erholung, Regeneration zu tun hat. Wir brauchen das. Nach langen, anstrengenden Tagen sind wir müde und erschöpft. Schlafen wir zu wenig und sorgen für zu wenig Ruhepausen in unserem Leben, sind wir irgendwann „ausgebrannt“. Wir machen Schlaf und Erholung für uns als notwendig geltend. Aber wenn die Natur nach einem langen Jahr, in dem sie viel „gearbeitet“ hat – vom Samenkorn bis zur Ernte zum Beispiel – auch eine regenerative Auszeit braucht, dann sehen wir das nicht gerne. Hey, das ist einfach der natürliche Ablauf – wir Menschen sind als „kleine Natur“ ein Abbild der „großen Natur“. Wir brauchen Erholung – sie braucht Erholung. Wir können bei Helligkeit nicht so gut schlafen – die Natur scheinbar auch nicht 😉
Der Winterblues.
Was ist das eigentlich – Winterblues, Herbstblues? Gesteigerte Müdigkeit, Energielosigkeit, Niedergeschlagenheit, vermehrter Appetit, melancholische Stimmung oder Unlust sind einige Beispiele, die für den Winterblues charakteristisch sind. Jedoch bitte nicht mit einer „echten“ Depression vergleichen. Der Winterblues ist eine saisonale, „mildere“ Geschichte. Achtet gut auf euch, um nicht mehr daraus zu machen.
Vorsorge ist besser als Nachsorge.
Kommt nun also dieser Winterblues zu euch nach Hause, dann ist das vielleicht eine Botschaft, dass ihr das Jahr über eure Hausaufgaben nicht gemacht habt. Welche Hausaufgaben?
- Schaffe dir ein schönes inneres Zuhause. Hast du deinen Körper gut mit Vitaminen, Aminosäuren, Mineralstoffen etc. versorgt? Man nimmt ja gerne das Auto als Vergleich her. Also, ist quasi dein Benzintank voll? Ist das Öl aufgefüllt? Ich gebe zu, das Thema ist komplex und nicht ganz einfach zu lösen. Eine solide Grundversorgung an allem ist wichtig. Fehlt dir aber ein bestimmter Stoff und das auf Dauer, dann arbeitet ein Zahnrädchen nach dem anderen nicht mehr und irgendwann stottert das ganze System. Dann sind von diesem Stoff vielleicht höhere Mengen erforderlich, um das Getriebe wieder in Gang zu bringen. Und ich gebe auch zu, es ist oft nicht so einfach, jemanden ausfindig zu machen, der einem wiederum den fehlenden Stoff ausfindig macht… Aber letztendlich ist es einfach so: Ist die Glühbirne eines meiner Vorderlichter kaputt, dann kann ich Benzin nachfüllen so viel ich will – ich sehe trotzdem noch schlecht im Dunkeln… Und werden Filter, Schläuche und Co. nicht gereinigt, kommen die Betriebsstoffe schlecht durch. Sind die Füllstände meines Körpers aber alle im grünen Bereich, können die Schwankungen der Botenstoffe, die z. B. durch den winterlichen Tageslichtmangel ausgelöst werden, besser abgemildert werden.
- Immer nur Vollgas oder auch mal Leerlauf? Ja, wie bist du denn so gefahren das Jahr über? Immer auf 180 – 210 km/h oder hast du dich immer wieder mal im Leerlauf rollern lassen? Ist deine Batterie aufgeladen, wenn du in den Winter startest oder ist sie eh schon schwach? Dann passiert es nicht nur beim Auto oft, dass sie bei Kälte zusammenbricht. Aufladen, aber wie? Eigentlich kennst du all die gemeinhin geltenden Klassiker. Das innere Zuhause einrichten und ausstatten haben wir ja jetzt schon gehört. Was immer dazu gehört ist Bewegung. Am besten noch an der frischen Luft und wann immer es geht bei Tageslicht. Atemtechniken. Entspannungstechniken. Sport in Gesellschaft. Kleine, effektive Ruhepausen immer mal wieder über den Tag hinweg im Alltag einbauen. Seine sozialen Kontakte in natura pflegen, nicht immer nur den Social Media Account füttern. Achte auf dein Gedankengut. Vielleicht gehörst du auch zu denjenigen, bei denen die negativen Gedanken in Endlosschleife Achterbahn fahren. Na klar, jeder fährt oder fuhr gerne Achterbahn. Kann man gar nicht genug davon kriegen und man möchte gar nicht aussteigen. Also warum sollten das negative Gedanken tun wollen… Irgendwie muss man sie aber rausschubsen. Vielleicht sind Affirmationen da etwas für dich. Sie sind kostenfrei und immer und immerzu anwendbar. Ausprobieren und einfach immer weiter machen damit. Kann helfen.
- Psychohygiene, Psychohygiene und Psychohygiene. Ich hab ja nun schon öfter durchklingen lassen, dass meiner Meinung nach da nix drüber geht. Irgendwann muss man mal damit anfangen. Zugegeben, es ist vielleicht nicht immer klug, sich erst und nur dann damit zu befassen, wenn man eh schon richtig im Dunkel drin hängt. Da ist man eh schon nicht mehr so objektiv und macht womöglich alles nur noch schlimmer. Den Schatten schaut man sich am besten in der Sonne an und nicht bei Nacht… Und den Schatten auf Dauer zu meiden, macht auch keinen Sinn. Stell dir vor, du bist im Hochsommer permanent nur in der Hitze und suchst nie den Schatten auf. Was passiert irgendwann? Richtig: Sonnenbrand, Sonnenstich, Hitzeschlag, eventuell irgendwann mal Hautkrebs. Also nicht erst warten, bis dir der November so auf die Stimmung schlägt, dass du dich wieder in Verdrängungsmechanismen verlierst und den nächsten Streaming-Dienst buchst, um dir eine Staffel nach der anderen reinzuziehen. Oder deinen Terminkalender noch voller stopfst, um bloß nicht das Nachdenken anfangen zu müssen. Vielleicht hast du in der Sonne mehr Kraft, langsam deinen Schatten anzuschauen. Kindheitsprägungen aufzuarbeiten. Negative Glaubenssätze ausfindig zu machen und schachmatt zu setzen. Beziehungen zu überdenken. Gewohnheiten zu hinterfragen. Den ganzen inneren Kram zu entrümpeln. Bis du dich wieder selbst findest. Denn da wären wir wieder: „Hallo Selbstwert. Hallo Selbstliebe. Von nun sind wir drei ein Liebespaar ;-)“ Wenn du es nicht alleine schaffst, dir deinen inneren Schatten anzuschauen, dann lass dich dabei an die Hand nehmen. Es gibt ja nicht nur Psychologen und Psychiater. Es gibt auch psychologische Berater, Mentaltrainer, Life Coaches, Selbsthilfegruppen und ganz viel mehr. Irgendwo ist auch das richtige für dich dabei. Wichtig ist, es anzugehen. Der Schatten wird nicht verschwinden. Aber du kannst ihn gezielt kleiner werden lassen – und das eben am besten schon, bevor er so groß geworden ist, dass du ihm kaum mehr entkommen kannst.
Lieber aus der Ferne grüßen.
Bringst du dich im Ganzen wieder in Balance, hat der Winterblues nächster Jahr keine Notwendigkeit mehr, dich aufzusuchen. Wenn er dieses Jahr aber schon da ist, dann fang doch trotzdem gleich damit an, deine Aufgaben zu erledigen. Der Winter dauert ja noch ein bisschen und wenn du nichts machst, werden die Aufgabenberge immer größer. Bis sie dir womöglich Angst machen. Sind sie allerdings erledigt, kannst du ganz entspannt von deinem Fenster aus winken, wenn der Winterblues an deinem Haus vorbeiläuft.
Wo waren jetzt die Komplimente?
Ach die kommen doch noch. Lieber Winterblues, ich muss dir schon echt ein Kompliment dafür aussprechen, dass du es immer wieder schaffst, uns darauf aufmerksam zu machen, dass bei uns etwas aus der Bahn geraten ist. Und man muss dir lassen, du machst das immer wieder echt perfide. Du triggerst uns an den Stellen wo es weh tut. Ich unterstelle dir jetzt aber einfach mal, dass du es gut mit uns meinst. Dass es eine liebevolle Aufforderung deinerseits ist, uns selbst Beachtung zu schenken und uns selber in den Vordergrund zu stellen. Uns auf Dinge aufmerksam zu machen, die du gut für uns hältst und die wir bis hierhin missachtet haben. Uns zu warnen und anzuhalten, JETZT etwas zu tun bevor wir noch viel unerwünschteren Besuch erhalten. Kompliment auch für dein Durchhaltevermögen. Du lässt nicht locker, bis sich die inneren oder äußeren Umstände ändern. Und du lässt dich auch nicht beirren. Egal wie sehr wir dich zum Teufel schicken wollen.
Ich wünsche dir, lieber Winterblues, dass dir nächstes Jahr die Leute aus der Ferne freudig zuwinken und rufen: „Hallo Winterblues! Heute sehen wir uns ja nicht mehr aus der Nähe, aber ich möchte dir trotzdem nur kurz danken, dass du mich letztes Jahr wachgerüttelt hast und mir aufzeigtest, was ich alles tun muss. Und dass du auch nicht locker gelassen hast, bis ich es wirklich begriffen hatte und dafür nun mit einem entspannten Gefühl in den Winter gehe. Du hast mir auf deine Weise sehr geholfen. Aber ich wünsche dir, dass du in Zukunft mal für deine Arbeit belohnt wirst und keine Hausbesuche mehr machen musst. Dann kannst du den Winter selbst einfach mal nur relaxed genießen 🙂


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