Komplimente für Hebammen.

Heute gibt es von mir Komplimente für Hebammen. Es ist zwar nun schon wieder über ein Jahr her, dass ich sie gebraucht habe, aber dennoch gehören sie für mich zu den Personen, denen ich echt Tribut zolle. Na klar, in erster Linie stellt man sich diesen Beruf so schön romantisch vor. Schwangerschaft, Geburt, Babys – so süß. Ist es aber eben nicht immer. Nicht nur bei „süß“ bist du als Hebamme voll dabei. Auch beim „brutal“.

Ich hatte auch keine reinen Bilderbuchschwangerschaften und habe selbst erlebt, was auf der einen Seite der nüchterne, fachliche Umgang der Ärzte mit einem machen kann und wie auf der anderen Seite ein einzelner Satz einer fürsorgenden Hebamme den Himmel wieder klar macht…

Darf ich vorstellen.

Für diesen Artikel stand mir eine waschechte Hebamme Rede und Antwort 🙂

Annalena ist Anfang 20 und absolviert gerade ihr letztes Ausbildungsjahr als Hebammenschülerin. Auf eine besondere Weise erfahren ist sie schon – nach ihrem ersten Ausbildungsjahr wurde sie bereits selbst Mutter. „Das beste Berufspraktikum, das ich machen konnte!“, wie sie selbst sagt. Sie managt nun also eine eigene Familie, ihre Ausbildung und plant schon ihre Selbstständigkeit. Im Sommer nächsten Jahres, nach ihrem Abschluss, möchte sie als freiberufliche Hebamme durchstarten.

Ich habe sie gefragt, was sie dazu bewogen hatte, diesen Beruf zu ergreifen. Der Wunsch dazu habe sich schon lange „eingeschlichen“. Schon von klein auf habe sie sich sehr für Babys, Kleinkinder, Schwangerschaften und Geburten interessiert. Ihre Biologie-Lehrerin hat ihr mal aus dem Nichts gesagt, sie hätte Hebammen-Hände. Diese und weitere kleine Impulse haben dazu geführt, dass sie ihre Leidenschaft zum Beruf machen wollte. Und sie ist absolut glücklich mit ihrer Berufswahl – sie findet es wahnsinnig spannend und unfassbar schön, Familien während dieser gesamten Zeit zu begleiten.

Zu viele Geburten. Zu wenige Hebammen.

Wie ich selbst erlebt habe, muss man sich schon seit Jahren eine Hebamme suchen, quasi bevor man überhaupt weiß, dass man mal schwanger werden möchte… Und bloß nicht im „falschen“ Monat Entbindungstermin haben, in dem eh schon so viele gebären (Ich habe bis heute nicht herausgefunden, welcher Monat denn günstig wäre, aber gut). Ist man zu spät dran, wird man mit Glück vielleicht noch auf eine Warteliste gesetzt. Das habe ich nicht machen lassen, war mir zu makaber. Wäre ich nachgerückt, hätte ich mich nicht mal freuen können, da das gleichzeitig bedeutet, dass es bei einer anderen nicht gut ausging… Bei der ersten Schwangerschaft hatte ich das Glück und fand trotzdem noch eine Hebamme nach den ersten drei kritischen Monaten, bei der zweiten Schwangerschaft fand ich in der 8. SSW keine mehr.

Woran das Ungleichgewicht liegt, habe ich auch von Annalena wissen wollen. Ich hatte noch im Kopf, dass sich irgendwann mal etwas Gravierendes bei den Versicherungen geändert hatte. Ja, sagte sie, als freiberufliche Hebamme wurde der Versicherungssatz für die Geburtshilfe unglaublich hoch eingestuft. Das ist ein Problem. Der Mangel an Hebammen liegt aber mehr daran, dass es zwar genug Bewerber aber zu wenige Plätze an zu wenigen Hebammenschulen gibt. Hier besteht dringend Aufrüstungsbedarf.

Hebamme und Mama.

Ja es ist ungewöhnlich (heutzutage) so jung Mama zu werden und das auch noch während der Ausbildung. Abgesehen vom eigenen Familienglück ist es für sie aber gerade auch für die Ausbildung von unbezahlbarem Mehrwert. Während sie zunächst ja nur in der Theorie sprechen konnte, „weiß“ sie nun wovon sie redet und ist damit ihren Mitschülerinnen einiges voraus. Es verschafft ihr auch bei den werdenden Müttern deutlich mehr Respekt. Werdende und frisch gebackene Mamas haben nicht immer das beste Nervenkostüm. Eine Auszubildende hat da leider oft nicht so den Stellenwert. Erzählt sie aber ihre „Learning-by-Doing“-Geschichte, ändert sich ihr Ansehen meist schlagartig.

Außerdem weiß sie jetzt für sich privat, wieviel Glück sie mit einer normalen Schwangerschaft und Geburt hatte und ist unermesslich dankbar, ein gesundes Kind zuhause zu haben. Denn leider hat sie nun auch oft buchstäblich vor Augen, wie viel weniger Glück andere haben…

So viel Schönes. Und so viel Tragisches.

Dass nicht jede Schwangerschaft zu einem gesunden Kind führt, erlebt sie jeden Tag. Trotz der guten medizinischen Versorgung, die wir heute haben, gibt es immer noch viel zu viele Tragödien. Hier muss ich schon schlucken. Ich könnte damit nicht umgehen. Als Hebamme musst du aber unter Umständen von einer Totgeburt in einen anderen Kreißsaal eilen, in dem gerade eine Normalgeburt beginnt und auch diese Mutter mit all ihren im Vergleich kleineren Sorgen, bestmöglichst auffangen und unterstützen. Das muss ein ganz schöner Spagat im Kopf sein, so schnell muss man erst mal umschalten können.

Deshalb wollte ich natürlich auch von ihr wissen, wie sie mit sowas umgeht. Darüber reden und aufarbeiten ist die erste Antwort. In der Familie und im Team darüber reden können und sich gegenseitig Rückhalt geben, ist absolut wichtig. Sie besinnt sich dann immer erst mal darauf, warum sie mit dem Beruf überhaupt angefangen hat. Und es ist oft so dahin gesagt aber man darf tatsächlich nicht alles an sich heran lassen.

Seit meiner ersten Schwangerschaft bin ich näher am Wasser gebaut und muss sogar umschalten, wenn es am Sonntag Abend im „Tatort“ eine Babyleiche gibt. Jetzt hat sie ja mittlerweile auch ein kleines Kind und kann trotzdem noch vom „Unreinraum“  in der gleichen Tonlage erzählen, wie ich von unserer Speisekammer. Wie schafft sie das? Mit Dankbarkeit. Dankbar dafür sein, dass ihr Kind gesund ist und alles gut ging. Und sich immer wieder daran erinnern, zwischen Arbeit und privatem zu unterscheiden. Ob sie bei einer weiteren Schwangerschaft dann auch noch so gelassen ist? Sie hofft es. Aber sie befürchtet auch, dass sie da vieles im Hinterkopf haben wird.

Komplimente, die sie gibt.

Hauptsächlich natürlich aufbauende Komplimente und Durchhalteparolen im Kreißsaal. Die Frauen darauf hinweisen, dass sie das alles super machen und ganz sicher schaffen werden. Damit ist es aber nicht getan. Häufig liegen auch in den Tagen nach der Geburt die Nerven bei den Müttern blank. Die Erschöpfung von der Geburt, der erste Schlafmangel, Stillprobleme usw. lassen manche Neumama verzweifeln. Sie sucht dann Blickkontakt zu der Frau und sagt ihr in die Augen schauend: „Du bist eine gute Mutter!“ – und erklärt ihr dann auch warum.

Komplimente, die sie bekommt.

Überwiegend schlägt ihr Dankbarkeit entgegen. Dafür, dass sie so gut durch die Geburt geleitet hat. Dafür, dass sie sich Zeit nimmt. Ein offenes Ohr haben und Zeit nehmen sei so wichtig. Und leider haben Hebammen und  Stationsschwestern aufgrund von Personalmangel und ständig anfallendem Schriftkram davon viel zu wenig. Die Dankbarkeit ist für sie ein großes Kompliment.

Das schönste Kompliment, das sie bekommen hat.

Das kam von einer Zwillingsmama, mit der sie bis heute in Kontakt ist. Diese lag länger alleine in einem Zimmer und das Stillen klappte nicht so recht. Auf der Station fiel Personal aus und es konnte sich ihr keiner annehmen und helfen. In einer Nachtschicht wurde Annalena zu ihr gerufen. Trotz Hochbetrieb im Kreißsaal, nahm sie sich die Zeit und am Ende hat das mit dem Stillen auch geklappt. Im Nachgang hat ihr diese Mama eine wahnsinnig tolle Nachricht voller Dank und mit vielen Komplimenten geschrieben. Über diese freut sie sich noch heute besonders.

Liebe Hebammen.

Also liebe Hebammen: Ich bewundere euch wirklich dafür, dass ihr diesen Beruf ergriffen habt. Ihr tragt viel Verantwortung und müsst euch in kürzester Zeit auf unterschiedliche Situationen und Personen einstellen können, um immer die bestmögliche Geburtshilfe leisten zu können. Trotz der nicht immer optimalen Voraussetzungen versucht ihr immer, jeder Frau – egal ob mit kleinen oder großen Sorgen – gerecht zu werden und ihr den Start als Mama so leicht wie möglich zu machen. Ich finde es super, dass es euch gibt und ihr den werdenden Müttern so viele unbezahlbare Dienste leistet. Wundervoll, wie ihr Einfühlungsvermögen zeigt und so in viele Situationen Ruhe reinbringt. Meinen Respekt auch an all die freiberuflichen Hebammen, die 24/7 in Rufbereitschaft sind. Kompliment an euch alle, die so einen bedeutenden Beruf ausüben!

Und liebe Annalena, wäre ich noch einmal schwanger, würde ich mich bei dir sehr gut aufgehoben fühlen. So wie ich dich erlebe und wie du von deiner Arbeit erzählst, bist du genau die Richtige für diesen Beruf. Ich wünsche dir daher nur das Beste für deinen weiteren Weg 🙂

Eine Antwort zu „Komplimente für Hebammen.“

  1. […] Annalena kennen wir schon aus „Komplimente für Hebammen.“ Heute kommt sie selbst zu Wort und hat mir einen tollen Gastbeitrag geschrieben – herzlichen […]

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