Komplimente für alle, die es angehen.

Das neue Jahr ist erst wenige Tage alt und manch einer übt sich fleißig in der Ausübung seiner Neujahrsvorsätze – während andere schon längst wieder aufgegeben haben. Gerade der Jahreswechsel ist ja allgemein so eine Zeit, in der sich viele überlegen, was man mal angehen sollte. Was man besser machen sollte. Ein Zeitpunkt, den man gerne hernimmt um Dinge anzugehen, zu denen der innere Schweinehund eigentlich gar keine Lust hat.

Überhaupt gibt es unter uns Menschen manche, die gehen ständig etwas an. Die sind echte Macher. Wieder andere lassen nur mit sich machen. Und es gibt die, die sich klein vorkommen, weil sie eben nichts Großes angehen, erfinden oder ändern (können). Oder auch jene, die sich abmühen und dennoch irgendwie feststecken und nicht so recht weiter kommen…

Man müsste.

„Man müsste“ ist irgendwie aus der Kategorie „Wenn das Wörtchen ‚wenn‘ nicht wäre“.

Man müsste mehr Obst und Gemüse und weniger Fleisch und Schokolade essen. Man müsste sich mehr sportlich betätigen anstelle von Couching, Streaming und Eating. Man müsste sich mal überlegen, ob man sich einen Organspendeausweis und eine Patientenverfügung zulegt. Man müsste sich mal nach 20 Jahren Ehe und drei Kindern wieder mehr Zeit für den Partner nehmen. Man müsste aber auch mal was für sich selber machen. Man müsste mehr Bio, mehr Regionales und mehr Nachhaltiges kaufen. Man müsste mal einen Termin für ein Hautkrebs-Screening ausmachen.

Es müsste.

Genauso gut: Es müsste.

Es müsste mal wieder einen Politiker geben, der noch ein echter Politiker und Vertreter für sein Volk ist. Es müssten wieder mehr Leute eine ehrenamtliche Aufgabe übernehmen. Was gemeinnütziges, zum Beispiel in Vereinen oder Wohltätigkeitsorganisationen. Es müssten wieder mehr Menschen auf die Straße gehen, um für unsere Rechte, unsere Freiheit, für den Klimawandel, für ein besseres Bildungssystem und was nicht alles zu demonstrieren. Es müsste sich halt mal einer finden, der sich hinstellt und den Mund aufmacht und die Dinge ausspricht, wie sie wirklich sind. Es müsste sich halt mal einer finden, der die Organisation in die Hand nimmt.

Also, es müsste wirklich so gut wie jeder Zeit dafür haben und sollte das mal machen – aber ICH, also ich nicht. Ich habe ungefähr 28.000 Gründe, weswegen ICH das nicht machen kann…

Man könnte.

Genauso schön: Man könnte.

Man könnte auch mal woanders hin in Urlaub gehen als immer nur Mallorca. Man könnte auch mal wieder das Schlafzimmer und den Keller ausmisten. Man könnte dieses Jahr auch mal die Steuer weit vor dem letzten Drücker machen. Man könnte auch mal mit dem Rad zum Bäcker fahren. Man könnte auch mal die Arbeitsstelle wechseln – irgendwas machen, was mehr erfüllend und weniger sicher und gut bezahlt ist. Man könnte auch mal sowas wie Yoga und Meditation ausprobieren, nicht immer nur Fußball und die Sportschau. Man könnte auch mit 70 Jahren nochmal eine Sprache erlernen.

Von Machern und Mitsichmachenlassern.

Es gibt Menschen, die sind echte Macher. Die packen die Dinge an. Die gründen eine erfolgreiche Firma nach der anderen. Die rufen eine Initiative ins Leben, die die Lebensumstände in einem Kriegsgebiet verbessern. Die forschen so lange, bis sie auf eine Heilmethode für eine unheilbare Krankheit stoßen. Die haben einen Vollzeitjob und füllen ihren Feierabend und ihre freien Tage mit gemeinnütziger Arbeit. Die leiten ein alteingesessenes Familienunternehmen und haben gleichzeitig vier Kinder. Denen fällt das auch einfach leicht.

Es gibt aber auch Menschen, die lassen meist nur mit sich machen. An einer Arbeitsstelle, bei der sie eigentlich gar nicht sein wollen. In einer Beziehung, die man unter „toxisch“ versteht. In ihrer Familie, weil es halt immer schon so war. In Freundschaften, in denen nur sie der Freund sind. Denen fällt es aus unterschiedlichen Gründen eben nicht leicht, Schritte in eine andere Richtung zu unternehmen. In deren Naturell liegt es einfach nicht, lautstark hinauszuziehen und die Welt zu verbessern.

Nur wer aufsteht kann auch losgehen.

Na klar, man sollte schon auf sein Naturell, seine Interessen und seine Möglichkeiten achten und hören. Vermutlich würde jeder gerne nur im Bio-Fachmarkt die Bioprodukte vom Bauernhof um die Ecke einkaufen. Nur ist es halt nicht in Jedermanns Geldbeutel drin.  Wenn aber die Bio-Banane im Angebot im Discounter gerade genauso viel kostet wie die aus konventionellem Anbau, dann kann man sich für die bessere Wahl entscheiden. Wer in Ohnmacht fällt sobald er Blut sieht, leistet ein freiwilliges soziales Jahr vielleicht besser nicht in einem Krankenhaus.

Aber: Was auch immer es ist, was von dir angegangen werden kann, muss oder sollte – es funktioniert nur, wenn man auch aufsteht und die ersten Schritte macht. Nehmen wir einfach das übliche Sinnbild vom kleinen Kind das Laufen lernt her. Das überlegt sich auch nicht vorher schon zig Gründe, warum es besser sitzen bleibt und lieber weiter krabbelt bis es 18 Jahre ist. Das steht auf, fällt hin und steht wieder auf. Das verliert das Gleichgewicht, knallt wo dagegen, weint – und versucht es dann wieder. Das ist vielleicht mal für den Moment müde, ruht sich aus und sammelt wieder Kraft. Aber es wird der Moment kommen, in dem es erneut aufsteht und nach der richtigen Balance sucht. Solange bis es irgendwann laufen kann.

Auf einem Hochseil über Welten und Zeiten.

Jaja, immer diese Balanceakte.

Zum Beispiel mit dem richtigen Zeitpunkt. Zwanghaft etwas anzufangen, was einem in diesem Moment nicht richtig erscheint oder von einem absoluten Unwohlsein begleitet ist, macht nicht wirklich Sinn. Auf der anderen Seite ist es für manche Dinge einfach irgendwann zu spät. Wenn einen der Herzinfarkt schon unter die Erde befördert hat, braucht man nicht mehr anfangen, die Ernährung umzustellen und Sport zu treiben. Und mit toten Familienangehörigen oder Freunden lässt es sich nicht mehr so leicht versöhnen. Wo ist also die Grenze zwischen „nicht der richtige Zeitpunkt“ und dem bequemen vor sich herschieben?

Oder der mit dem ‚Was ist das Beste für mich?‘ und ‚Wie hängen da andere mit drin?‘. Verwirkliche ich mich endlich selbst und hänge den sicheren, gut bezahlten Beamtenjob an den Nagel, um meiner eigentlichen Berufung und dem was mir Spaß macht nachzugehen – verändere oder verschlechtere aber damit den gewohnten Lebensstandard vom Rest meiner fünfköpfigen Familie?

Mal ganz salopp gesagt: Seinem vierjährigen Kind kann man nicht sagen, ich wasche deine Wäsche nicht mehr und am Sonntag kochst du dein Mittagessen selbst weil da trifft sich meine Laufgruppe und dann kann ich öfter meditieren. Seinem 24-jährigen Kind aber schon.

Schaffe ich meine Selbstverwirklichung aus eigener Kraft oder erhalte Unterstützung, die ich auf irgendeine Weise entlohne? Ooooder nutze ich andere aus und behindere sie dabei auf ihrem eigenen Lebensweg, male ich mir also die Welt wie sie mir gefällt mit geklauten Farben?

Ach hätte ich doch.

Wird aus einem „Man müsste mal“ ein „Ach hätte ich doch“ ist das entweder ungünstig oder echt schlecht.

Ungünstig: Ich bin etwas angegangen aber es hat nicht zu dem erhofften Resultat geführt. Vielleicht habe ich auf den Kopf und nicht auf den Bauch gehört und der andere Weg wäre besser gewesen. Manchmal findet man aber wieder den Weg zurück und kann doch noch die andere Richtung einschlagen. Oder ich bin meinem Bauchgefühl gefolgt und das war auch richtig so, denn jetzt bin ich zwar eine Erfahrung reicher, die ich so nicht erzielen wollte aber es kann nicht mehr in mir nagen weil ich es eben nicht versucht hätte.

Echt schlecht: Im Hospiz liegend bedauern, was man alles in seinem Leben noch hätte machen wollen ist bitter. Manches hat man aus Dummheit oder Bequemlichkeit verpasst. Anderes sollte man sich auch selbst verzeihen können weil es den Lebensumständen entsprechend gute Gründe gab. (Vorsicht, schon wieder ein Balanceakt – hin zu „sich schön reden“ ;-))

Bauchgefühl, Impulse und ein innerer Drang.

Was sind denn dann die Dinge, die es wirklich wert sind, angegangen zu werden? Nun gut, manche sind einem ganz offensichtlich. Andere zeigen sich nicht so glasklar. Es lohnt sich immer, sich selbst zu beachten und in sich hineinzuhorchen. Die „Kommunikation“ mit sich selbst zu pflegen und Verständnis dafür zu entwickeln, was einem der Körper, die Seele oder das Bauchgefühl sagen will. Manchmal sind es plötzliche oder immer wiederkehrende Impulse, die einem in den Sinn kommen. Oder man hat einen starken inneren Drang, etwas Bestimmtes zu tun.

Es muss auch nicht zwangsläufig zum erwünschten Ergebnis führen, um ein Erfolg gewesen zu sein. Aber man kann dann seinen Frieden damit schließen. Denn es nagt nicht mehr in einem. Man kennt das Resultat schließlich.

Und man muss auch nicht gleich freiwillig als Soldat in den Krieg ziehen oder als Klimaaktivist medienheischende Aktionen starten. Wenn jeder mit sich und in seiner Welt in Frieden lebt und im Rahmen seiner Möglichkeiten die nächstbessere Wahl für die Umwelt trifft und einen Teil für eine gute Gemeinschaft beiträgt – dann wird auch daraus irgendwann ein großes Kollektiv.

Komm, ich trage dich ein bisschen mit.

Siehst du andere, die etwas angehen – sei es nun ein weltveränderndes oder gemeinnütziges Projekt oder der Eintritt in die freiwillige Feuerwehr oder die Umstellung auf ein biologisches Putzmittel – dann bring doch zum Ausdruck, dass du das gut findest. Bewundere laut. Denn der einfachste Weg, etwas zu honorieren, ist ein Kompliment. Manch einer erhält davon bestimmt viele aber für andere ist ein einfaches, anerkennendes Kompliment die Welt. Da trägt dieses Kompliment den anderen in seinem Projekt ein Stückchen weiter. Drum komm – spuck es ab sofort einfach aus 🙂 Für dich kostet es höchstens Überwindung aber für den anderen ist es womöglich von unbezahlbarem Wert.

Oft ist das höchste Lob wenn einem nichts dazu gesagt wird. Oder wenn hinter dem Rücken darüber geredet wird. Liebe Menschheit, das ist doch schade! Geht nicht auch einfach ein: „Für mich wäre das ja nichts, aber ich finde super, dass du das machst – eben weil es das ist, was du möchtest“?

Vergessen wir dabei auch nicht diejenigen, die im Kleinen ständig machen. Die leise oder im Hintergrund werkeln. Und trotzdem unverzichtbar sind für den Erhalt einer guten Familienstruktur, für das Vereinsleben, für die Gemeinschaft usw. Die möchten oder dürfen womöglich nicht im Mittelpunkt stehen. Aber sie würdigen und ihnen ein paar Komplimente machen, das kann man!

Du machst das toll. WEIL du das machst.

Genau, erkenne es dir selbst an! Es ist toll, dass du das machst – weil du das machst! Du bist aufgestanden und bist es angegangen. Du bist hingefallen, hast dich geschüttelt und weiter gemacht. Du hast was gewagt. Du hattest endlich den Mut dazu. Du hast dir die Zeit genommen. Du hast die Ärmel hochgekrempelt und dich hineingestürzt. Das ist aller Ehren wert.

Es steht dir gut, wie du deinen inneren Schweinehund jetzt anlächelst.

Du kannst stolz auf dich sein 🙂

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