Hebammenliebe – eine Geschichte von Mut und Dankbarkeit.

Hebamme Annalena kennen wir schon aus meinem Beitrag „Komplimente für Hebammen.“ Heute kommt sie selbst zu Wort und hat mir einen tollen Gastbeitrag geschrieben – herzlichen Dank hierfür! 🙂

Sie schildert u. a., wie so ein Tag im Leben einer Hebamme ablaufen kann, was sie bewegt, wie wichtig Motivation ist und was ihr ihr Team bedeutet.

 Lest selbst: 🙂

Hebammenliebe – eine Geschichte von Mut und Dankbarkeit

Diese Schilderung spiegelt den Kreißsaalalltag in einer Klinik wieder. Jedoch kommen solche Szenarien natürlich nicht jeden Tag vor. Es gibt auch wunderschöne Dienste, in denen ich meine Kollegen ebenso schätze wie in diesem Beispiel. Allerdings ist „in guten wie in schlechten Zeiten“ eine Floskel, die sich nicht nur mit der Ehe gut in Verbindung bringen lässt.

Die Schicht dauert mittlerweile schon 7 Stunden und 12 Minuten, wir hatten eine ungeplante Geburt auf Station mit Schulterdystokie (Kind steckt im Geburtskanal fest), eine vorzeitige Plazentalösung mit Notkaiserschnitt, zwei Spontangeburten, in zwei weiteren Kreißsäälen wehen sich gerade Frauen ein und eine Drittgebärende ist bei 7cm (geöffnetem Muttermund), da sind Baby´s Herztöne schlecht. Die nächste Schicht kommt bald, die Übergabe muss vorbereitet werden, alle Stations-CTG´s haben wir auch schon geschrieben aber im Wartezimmer sitzen schon wieder einige Frauen, die vom Arzt untersucht werden müssen.

Ein Tag, der nicht mal so selten in einem Kreißsaal vorkommt.

Der fast tägliche Spagat zwischen Stress, dem Bedürfnis der werdenden Familie im Kreißsaal die beste Betreuung zu ermöglichen und der klinischen Organisation ist ein Balanceakt, der fast unmöglich ist. Achja und vergessen wir hier bitte auch nicht die wahnsinnig ausführliche Dokumentation, die wir (gerne) machen, um alle Ereignisse und Untersuchungen festzuhalten – aber ganz ehrlich – zum Großteil auch, um uns rechtlich abzusichern: Wieso und weshalb wir dies und jenes zu dem und dem Zeitpunkt gemacht haben und was die Konsequenzen daraus schlussendlich waren.
Ja, es ist stressig und manchmal gar nicht so einfach. Ungeplante Überstunden ohne Pausen, weil einfach zu viel los war und es ist immer noch überhaupt kein Ende in Sicht. Ohne funktionierendes Team geht hier gar nichts.
Irgendwann geht man dann doch mit einem schlechten Gewissen, weil die Folgeschicht noch deine Arbeit in irgendeiner Weise zuende machen muss. Aber man hat ja schließlich auch ein Privatleben. Einen Partner. Eigene Kinder. Ein eigenes Leben.
Es gibt immer Dienste, da gehst du an deine Substanz, in denen findest du deinen Meister und in denen fragst du dich: WIESO ZUR HÖLLE TU ICH MIR DAS HIER EIGENTLICH AN?

Eine Frau, die ihr erstes Kind erwartet. Sie hat schon den ganzen Tag über Wehen und kaum noch Kraft oder Motivation weiterzumachen. Leider ist sie allein. Ihr Mann kann aus beruflichen Gründen nicht dabei sein. Er ist nicht da. Niemand anderes ist da. Nur du.
Also gehst du da jetzt rein und machst dieser Frau, die wahrscheinlich so verzweifelt und motivationslos, wie du nach manchen Diensten bist, verdammt nochmal Mut.
Du baust sie auf. Du sagst ihr wie gut sie das macht und findest Lösungen für ihre Probleme. Sie hatte das noch nie, das ist ihr erstes Kind und sie braucht dich jetzt. Okay, gut.
Für DIESE Frau muss ICH JETZT einfach da sein.
„Hallo Frau …, ich bin deine Hebamme und wir rocken das.“

Manchmal muss man als Hebamme den Mut haben, den die werdenden Mamas während einer langen Geburt verlieren. Neuen Mut fassen, um das zu erreichen, was sich schwangere Frauen neun Monate erarbeitet haben. Was man als werdende Mama geleistet und worauf man sich vorbereitet hat. Das ist der Mut, den wir wieder herauskitzeln müssen, egal wie anstrengend die Schicht ist. Dass das alles ein Ende haben wird und wir die Frau bei der Geburt unterstützen möchten. Egal wie. Das lässt sie in den meisten Fällen wieder Motivation fassen. Zu wissen, dass da jemand ist, der diesen Weg mit ihr geht. Der sie nicht allein lässt und der sie unterstützt.

Und spätestens, wenn schlussendlich das Kind geboren wird und die Mama freudestrahlend mit ihrem Baby im Arm da im Bett liegt und sagt „Danke, dass du da warst“, dann weißt du was du getan hast und wofür du fast jeden Tag in diesen Kreißsaal gehst.
Es ist die bedingungslose Liebe zwischen Mama und Kind. Die bedingungslose Liebe einer Familie.
Die bedingungslose Liebe zu deinem Beruf, der manchmal einfach zum Kotzen sein kann. Aber wie das im Leben einfach so ist, gibt es immer mal Tiefpunkte. Die Kunst ist es, aus den Tiefpunkten auch positive Dinge zu ziehen. Die Folgeschicht, die deine Arbeit zu Ende gebracht hat. Die Kollegen in deiner Schicht, die genau den gleichen Mist mitmachen wie du aber unermüdlich weiterarbeiten, weil es bringt ja nichts darüber zu jammern. Wir gehen den Weg gemeinsam. Mit den Frauen aber hauptsächlich mit unseren Kollegen. Ja, jede Schicht geht mal vorbei aber sie geht leichter vorbei, wenn man weiß, dass für uns jemand da ist, mit dem man mal zusammen verzweifeln und sich aufregen kann. Und genau deswegen liebe ich diese Arbeit.

Ich liebe es Familien zu begleiten und sie zu unterstützen. Ich liebe es, neuen Mut zu schenken. Ich liebe es Frauen zu beobachten, die auch ganz selbstbestimmt durch die Geburt gehen und mich manchmal überhaupt nicht brauchen. Ich liebe diese Ungewissheit, die einen zu jedem Dienstbeginn begleitet, weil man keine Ahnung hat, was auf einen zukommt. Aber vor allem liebe ich es, dass ich weiß ich habe Rückhalt in diesem Team. Ich werde aufgefangen, wenn ich selbst ohne Mut dastehe und nicht weiß, wo vorne und hinten ist. Ich liebe es, neuen Mut geschenkt zu bekommen.

Ohne Unterstützung geht hier gar nichts, das ist einfach so. Wir machen das nicht alles alleine durch. Und jede frischgebackene Mama, jedes neugeborene Kind und jeder Tag im Kreißsaal, ohne dass dieser Laden in Flammen aufgeht, ist ein essentiell wichtiger und guter Punkt in unserem Beruf. Wir haben diesen Dienst geschafft und werden auch den nächsten rocken.
Manchmal brauchen wir einfach selbst jemanden, der uns Mut zuspricht in schwierigen Situationen. Der für uns da ist und uns die Motivation gibt weiterzumachen nach einer langen Schicht. Der uns daran erinnert, wieso wir hier sind und was wir uns bisher alles erarbeitet haben. Wir sind ein bisschen selbst wie schwangere Frauen. Am Ende einer langen Schicht motivationslos, müde und ausgelaugt. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir sowas wie unsere eigenen „Hebammen“ untereinander sind und in schwierigen Momenten zu einem kommen und sagen „Hallo Hebamme, ich bin deine Kollegin und wir rocken das heute“.

Ich möchte mich ganz herzlich bei allen werdenden Hebammen, examinierten Hebammen, freiberuflichen Hebammen, Lehrhebammen, Ärzten und allen anderen auf meinem bisherigen Weg bedanken, die mich haben erkennen lassen, dass nichts wertvoller ist, als ein tolles Team zu haben.
Danke, an Hebammen, die sich auch von beschissenen Diensten nicht unterkriegen lassen und selbst den Mut haben Mut zu machen. Mut zu geben. Mut zu schenken.
Ihr leistet großartiges!

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Eva's Komplimenteschmiede

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner